Subkulturelle Jugend

Mit Skinheads verbindet man Springerstiefel, Bomberjacken, gepflegten Nationalsozialismus und Ausländerhass. Alles in allem zahlreiche Vorurteile und Assoziationen, die in unserer Gesellschaft fest verankert sind und ständig verankert werden. Dass es auch Subkultur ohne braunes Gedankengut geben kann erlebte ein früheres Ich – die Erinnerungen eines ehemaligen Redskin.

Ich weiß nicht, ob man das, was es an Skinheads in Graz gab, Szene nennen kann. Auf jeden Fall bin ich aus „der Szene“ schon lange draußen. Ich weiß auch nicht, ob es solch eine Szene noch gibt, wenn ich auch bisweilen einen Skinhead in Graz erblicke. Keinesfalls maße ich mir an, mit dem, was ich über diese Skinszene sage, Recht zu haben – es sei mir jedoch erlaubt, ein Urteil zu bilden.

Die Pubertät erreichte wohl ihren Höhepunkt, als ich mir bei einem Freund die Haare kurz schor, eine raue Lederjacke anzog, zu enge DocMartens vom Flohmarkt mit weißen Schnürsenkel trug und gröhlend die Nächte im Musichouse verbrachte. Ich war Skinhead. Zumindest bezeichnete ich mich als solchen. Hatte ich anfangs von der Geschichte, den verschiedenen Arten und Gruppierungen im Skinhead-Universum keine Ahnung, änderte dies sich mit der Zeit.

Lederjacke, Stahlkappenstiefel. Anfangsfehler

Auch, dass ich peinlicherweise die Etikette, wie man sich als Skin „richtig“ zu kleiden hatte, nicht so ganz verstand, verging erst nach einigen Monaten. Dann erklärte mir ein Trojan (Skinheads, die sich mit der „originalen“ Subkultur der 60er Jahre identifizieren und nach dem Label „Trojan Records“ benannt sind), wie hoch man seine Jeans krempelt. Nämlich nicht sehr hoch.

Die unpassende Lederjacke verschwand im Schrank, stattdessen schlüpfte ich in eine Harrington. Die Arbeiterhemden meines Großvaters wurden aus dem Kasten gerissen, dazu trug ich Hosenträger. Mit meinem Ersparten kaufte ich mir brandneue DocMartens, die eine Menge Geld kosteten. Bald schon nähte ich Hammer und Sichel-Embleme auf meine Jacken, stolz ordnete ich mich selbst den Red and Anarchist Skinheads, kurz RASH (kommunistische und anarchistische Skinheads) hinzu. Redskins gibt es einige viele in Deutschland, in Österreich traf ich in Wien auf einige RASH, sonst war mir nur einer aus der Südsteiermark bekannt.

In Erinnerungen schwelgen mit der Vergangenheit.

Wir waren bekannt – und tranken ziemlich viel Bier.

Neben mir gab es in Graz noch ungefähr fünf bis sieben weitere „Glatzen“, bis zu meinem Ausscheiden stießen wohl noch zwei, drei aus dem Punkermilieu hinzu. Wir waren eine Gruppe, trotz der unterschiedlichen (un)politischen Ausrichtungen. Bezeichneten sich einige als Oi-Skinheads („Oi!“ ist ein Musikstil, der in der Skinheadkultur in den 80ern breiten Zuspruch fand, ein Mix aus Punk, Ska als auch Reggae), gab es auch einen Trojan, ziemliche viele, die sich „unpolitisch“ schimpften und mich als Redskin.

In Erscheinung traten „wir“ bei Konzerten von Bands wie Loichtstoff oder §250 im Musichouse, Q oder in der Dietrichskeusch’n, es wurde gegröhlt, gepogt (Pogo ist ursprünglich eine Art „Anti-Disco-Tanz“, viel Rumgeschubse und Aufeinanderwerfen, sieht gefährlich aus) und viel getrunken. Mehrmals ging ich auch mit befreundeten Punks zu Antifa-Demonstrationen, vor allem von Mayday Graz, und wurde dafür von Leuten in eigenen Reihen immer mit kritisch musternden Blicken bedacht.

Dietrichskeuschn2

Jugendliche Naivität

Wir beleidigten Hippies, rissen dumme Witze und gaben uns aggressiv, wenn auch die meisten im Grunde nette Kerle waren. In Graz wurde die Szene, wie zu oft in der Geschichte vorgekommen, nicht von Nazis übernommen. Im Gegenteil – einige Boneheads (so nennen Skins die Faschisten, die sich dem Skinhead-Stil bedienen) kannte man zwar vom Sehen, hielt sich aber fern von solch einem Pack. Sicher waren Einige in der Runde konservativ, vielleicht sogar rechts – aber keine Nazis.

Nach einigen Jahren zog ich mich aus der Szene zurück. Sinnloses Herumgesaufe, ständiges Oi Oi Oi brüllen und ungestüm feiern: es war Zeit, das hinter mir zu lassen. Zurück in „Zivil“ war es anfangs ungewohnt, nicht die ganze Zeit angegafft zu werden.

Hammer und Sichel-Nazis

Niemand wechselte mehr wegen mir den Platz in der Straßenbahn oder weichte auf die andere Straßenseite aus. War es mir damals noch ziemlich gleichgültig, wenn mich jemand Nazi schimpfte, da ich ja wusste, welcher politischen Richtung ich angehörte, ist es dennoch bedenklich, wie viele mich im Nachhinein betrachtet nur aufgrund meiner äußeren Erscheinung dem rechtsextremen Spektrum zuordneten.

Es ist wahrlich seltsam, wie viele mich für einen Nationalsozialisten hielten, der halt ab und zu Che Guevara-T-Shirts trug. Das Vorurteil, Skinheads sind Neonazis oder zumindest Rassisten, ist so fest in den Köpfen verankert, dass man sogar über linke Insignien hinwegsieht: Denn wenn mich jemand, trotz eines Hammer und Sichel-Polo-Shirts, als Neonazi bezeichnet, kann einfach etwas nicht stimmen.

2 Antworten auf “Subkulturelle Jugend

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