Tatort: Abgründe

Am gestrigen Abend, den 2. März 2014, war es um 20.15 wieder einmal so weit: Der achte österreichische Tatort-Fall von Eisner und Fellner stand am Programm und ich war in Demut dazu bereit, 87 Minuten durch Mark und Bein gehendes Fremdschämen über mich ergehen zu lassen.

Es gibt bekanntlich gute Tatortfolgen und weniger gute. Es gibt Tatortfilme aus Deutschland, die wenig Tiefen und viele Höhen kennen, es gibt die rührigen Ermittler aus der Schweiz, die lediglich bei Schlafstörungen zu empfehlen sind. Und es gibt in einer Sonderkategorie Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser als österreichische KommissarInnen.

Aller guten Dinge sind acht

Gestern konnte ich von Anbeginn der Folge „Abgründe“ an kaum glauben, was ich da sah. Der achte gemeinsame Fall von Moritz Eisner und Bibi Fellner war nicht nur einfach gut, sondern mindestens der beste Tatort des noch jungen Jahres überhaupt. Der Österreich-Tatort verfügte nicht nur über ein auch als solches zu bezeichnendes Drehbuch (Uli Brée) und eine spürbare Regie (Harald Sicheritz), auch Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer liefen endlich einmal zur Höchstform auf. Bislang war Adele Neuhauser im Tatort meiner Meinung nach Lichtjahre von ihrem eigentlichen Können entfernt, gestern spielte sie den – wie üblich bergdoktorgesichtigen – Harald Krassnitzer aber glatt an die Wand.

Kommissar Bergdoktor gerät ob der österreichischen Freunderlwirtschaft (zurecht) in Rage: Harald Krassnitzer in einem großartigen Tatort österreichischer Provenienz

Viel österreichisches Flair und Mut zur Kritik

Wer sich Sonntag für Sonntag den Tatort anschaut, tut dies auch, weil die Filme im gesamten deutschsprachigen Raum gedreht werden. Die Kommissare aus Leipzig ertrage ich beispielsweise nur deshalb 87 Minuten, weil ich auf diese Weise für einige Zeit eine meiner Lieblingsstädte sehen kann. Der österreichische Tatort hatte seit der Paarung Fellner/Eisner das Prädikat „Augen zu und durch“ für sich gepachtet. Das hat sich seit gestern grundlegend verändert. Wie auch die deutschen Gazetten bemerkten,  entfaltete der Tatort „Abgründe“ ein wahres Feuerwerk an österreichischem Sprachwitz und schwarzem Humor und verfügt über einen Plot, an dem sich andere Tatort-Drehbuchautoren ein Beispiel nehmen können.

Der gestrige Fall nimmt unmissverständlich Anleihe am Fall „Natascha Kampusch“ sowie ein wenig am Fall „Fritzl“. Ferner wird der ORF mit diesem Tatort auch endlich einmal seinem Bildungsauftrag gerecht: Noch selten wurde – und das in Hypozeiten wie diesen – der unerträgliche Machtfilz und die österreichische Freunderlwirtschaft in einem Fernsehfilm der letzten Jahre dermaßen kritisch und wie zu befürchten ist „realitätsnah“ dargestellt.

Nach den „Abgründen“ von gestern sind vom Österreich-Tatort neue Höhen zu erwarten. Zeit war’s.

„Abgründe“ gibt es diese Woche noch zu sehen auf dem ORF und auf DasErste.

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