Verdammt, wir leben noch

Die Welt spielt verrückt – Endzeitstimmung, Dystropien, Hamstereinkäufe. Wir haben Angst davor, unterzugehen, Angst davor, zu sterben. Derweil sind wir schon lange krank – und sterben werden wir sowieso.

Verdammt, wir leben noch. Kein Untergang, kein Massensterben, keine Aliens. Lachend erntet die Wirtschaft nun die Früchte jener Ernte, die durch Panikmache gesät und durch gezieltes Verstärken des „Untergangsgedankens“ gedüngt wurde. Wahnwitzige Sekten und fanatische Anhänger abstruser Ideologien sehen sich heute mit dem Problem konfrontiert, dass die Welt noch existiert, das Leben pulsiert, die Zeit weitergeht.

Die Augen vor der Wirklichkeit verschließen – das wirklich traurige an der ganzen Sache.

Der weltweite Hype um den möglichen Weltuntergang erfährt mediale Aufmerksamkeit par excellence. Dass das ganze Gerede von dem Ende auf einer falschen Interpretation eines uralten südamerikanischen Kalenders beruht, sei nur nebenbei erwähnt. Nichtsdestotrotz werden Hamstereinkäufe getätigt, Irre bewaffnen sich und verschanzen sich in Bunkern. Gruppen treffen sich zu intensiven Gebetskreisen, mancheiner besteigt einen hohen Berg in einem fernen Dorf, um dort „die Ankunft“ zu erwarten. Fernsehreporter berichten live, Internetforen fesseln User vor den Bildschirmen.

Das wirklich traurige an der ganzen Sache – dass sämtliche Menschen, die im Strom des möglichen Unterganges schwimmen, dadurch die Augen davor verschließen, was wirklich auf der Erde falsch läuft. Und selbst manche, die nicht an die Dystropie glauben, lassen sich mitreißen, spekulieren, fantasieren.
Wann bekommt Massensterben aufgrund weltweiten Hungers, wann bekommen fanatische Diktaturen, in denen Menschen dahinvegetieren, wann bekommen durch Menschenhand verursachte klimatische Probleme soviel Aufmerksamkeit? Wann verbietet man Tötungswerkzeuge, wann hören wir auf, uns gegenseitig zu schlachten? Wann denken Menschen an eine Utopie und lassen die Dystropie hinter sich? Wann arbeiten Menschen daran, Utopie werden zu lassen?

Mag sein, dass der letzte Absatz vor Pathos und jugendlicher Naivität nur so strotzt. Dennoch – wann verstehen wir endlich, dass wir schon längst erkrankt sind und längst sterben? Der Untergang ist uns sicher, und wenn nicht heute, dann in der Zukunft.  (M.T., 21.12.2012)

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