Vögel in der Nacht

Mit einem wunderbaren Besuch aus der Heimat stehe ich an der Bushaltestelle. Es ist kalt, mitten in der Nacht (oder auch früh am Morgen), und es fährt keine U-Bahn mehr, da Wochentag. Nach dem ersten Lokal folgte alsbald das zweite, aus einem Getränk wurden viele, nur das dritte Lokal wollte nicht mehr, denn das hatte zu.

Und so stehen wir und warten. Und die Vögel zwitschern. Es ist stockdunkel. Aber sie singen ihr Lied. Von Sonne noch nichts zu sehen, nicht einmal zu erahnen, und doch singen sie. Sie zwitschern einem direkt ins Ohr mit ihren naiven Stimmchen. Sie zwitschern nicht nur, sie reden mit einem, fragen einen. Nicht nur einen, sondern mich. Sie reden mit mir, fragen mich.

Von noch einfachen Fragen wie „Wie lange müsst ihr denn da noch stehen?“ bishin zu gemeinen wie „Was hast du eigentlich in deinem Leben bis jetzt erreicht?“. Auf letztere pfeift ein frecher Spatz gar selbst die Antwort, nämlich „Nichts“. Und dann zwitschern die Vögel nicht nur, sie lachen sogar. Und scherzen weiter: „Was wirst du noch erreichen?“

Und wieder der freche Spatz mit seinem frechen „Nichts!“. Kurz gesagt, ich hasse Vögelzwitschern mitten in der Nacht. Nicht nur dass sie einen, vom Fortgehen müden, meist etwas angetrunkenen Menschen vom Einschlafen abhalten, nein, sie geben einem das Gefühl der Unruhe und Angst. Bald kommt die Sonne. Wird die Welt in Licht getaucht. Wieder ein Tag vertan.

Hitchcock hatte schon recht. Wir zwitschern, weil wir wissen, dass bald irgendwas passiert. Dass gerade eben etwas schiefläuft, misslingt, nicht funktioniert. Selbst der Gedanke, dass sie zwitschern, da sie vom Strassenlärm, vom vielen Licht der Lampen und der generellen Helligkeit einer Großstadt verrückt und gestört geworden sind, hilft mir nicht viel.

Sie zwitschern ja doch weiter. Hacken damit gleichzeitig auf mich ein. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern hoch und vergrabe mein Gesicht auf der Brust meines Besuchs. Leise, damit es die Vögel nicht hören können, teile ich ihr meine Gedanken mit. Sie lacht nur und umarmt mich.

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