Von Schlitzaugen und Colamenschen

Christine Nöstlinger meint in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel, dass das Umschreiben von Kinderbuchklassikern ein „Unfug“ sei. Und da gebe ich ihr vollkommen recht – dennoch mit Ergänzungen.

Was anfing mit der Streichung des Wortes wichsen aus der Kinderbuchliteratur, schaukelte sich in kurzer Zeit zu einem heiß diskutierten Thema hoch, nicht nur innerhalb der pädagogischen Welt.  Sind denn Wörter wie Neger und Zigeuner überhaupt kindgerecht? Darf man die in Neuauflagen von Kinderbuchklassikern überhaupt noch drucken, sollte man jene denn nicht ersetzen?

Als Erwachsener (oder Teenager, Jugendlicher…) stellt man solch Wörter wie oben genannte automatisch in einen „perversen“ und rassistischen Zusammenhang. Jeder halbwegs zivilisierte Mensch, der auf Erden wandelt, weiß, dass Neger ein Ausdruck ist, den man nicht (mehr) verwendet, dass jener überhaupt eine grobes Schimpfwort darstellt. Und genau da liegt der Punkt – als Erwachsener stellt man einen Zusammenhang her, als Erwachsener wertet man, als Erwachsener gibt man jenen Wörtern solch einen Kontext.

Kinder (und ich spreche jetzt von Kindergartenkindern im Alter von 3 bis 7 Jahren) würden nie und nimmer daran denken, solch Wörter mit Rassismus zu verbinden. Rassismus kennen die meisten Kinder noch gar nicht. Und ich spreche da nicht davon, dass ihnen zum Verständnis jenes Begriffes der nötige Grips fehlen würde, keineswegs. Kinder im Kindergarten kennen keinen Rassismus, weil sie nun eben mal Kinder sind. Unvoreingenommen, objektiv, aus einer kindlichen wunderbaren Sichtweise das Leben genießend.

Ich kann mich noch sehr gut an ein Erlebnis im Kindergarten erinnern, wo ein vierjähriger Knirps zu mir sagte, er möchte nicht mehr mit den Colamenschen spielen.

Natürlich werden manche Kinder beeinflusst. Der junge Herr, der mir von den Colamenschen berichtete, hat sich diesen Begriff zwar selbst ausgedacht (ohne böse Absicht und für ihn in seiner Denkweise einfach sehr naheliegend). Doch gab es auch einen, der gezielt sagte, er wolle mit dem Schlitzaugen da drüben nichts mehr zu tun haben, weil jener ihm beim Spielen immer weh tat. Ein Wort, oftmalig aufgeschnappt im Elternhaus. Ein Wort, vom Vater oft verwendet. Wenn einem Kind dann ständig eingeredet wird, wie böse die Ausländer seien (ja, auch solche Eltern durfte ich beim Elternabend schon mal genießen) wundert es niemanden, wenn solch Ausdrücke in den alltäglichen Sprachgebrauch aufgenommen werden.

Diese Beeinflussungen sind aber meiner Meinung nach nicht Standard. Sie bilden die Ausnahme. Und dass solche Begriffe in Kinderbüchern ruhig stehen können, meine ich auch. Sollen solche Wörter mit einem Stern gekennzeichnet werden, sollen ambitionierte Pädagogen und Pädagoginnen mit den Kindern darüber sprechen, dass jene Begriffe einer längst vergangenen Zeit entstammen. Aber die Streichung jener aus propagierten Gründen kann ich nicht nachvollziehen. Unfug eben. (M.T., 29. 01. 2013)

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