Vu cumprà

Dorthin, wo schon mein Großvater, meine Großmutter und mein Vater vor einem halben Jahrhundert reisten, um Sonne und Meer zu genießen, fuhr ich im Sommer ebenfalls: nach Sistiana.

Viel hat sich in Sistiana seit damals verändert – das braucht mir mein Vater nicht zu sagen, das sieht und merkt man. Riesige Hotelkomplexe, manche fast fertig, von anderen sieht man nur Betonpfeiler, fressen sich in die steil abfallenden Felsschluchten, während längst vergessene Nobelbauten zerfallen und zu Ruinen werden.

Dort, wo mein Vater vor einem halben Jahrhundert von meinem Urgroßvater von der Luftmatratze ins Wasser gestoßen wurde, dort, wo meine Großmutter dies mit einer Kamera aufnahm, dort befinden sich heute Bauzubehör, Rohmaterial, Werkzeuge, Bagger. Doch die Maschinen schweigen.

Längst vergessene Nobelbauten, die zerfallen
Längst vergessene Nobelbauten, die zerfallen

Sommer feeling und allerlei Krimskrams

Es ist Samstag und es ist heiß. Ein Kinderanimateur brüllt enthusiastisch in die lachende Kindermenge, ältere Damen legen ihre Brüste in die Sonne. Yachten tuckern den Hafen hinein und hinaus. Ich habe keine Badeschlapfen mit und leide am heißen Steinstrand als auch am kühlen, jedoch spitzen und scharfen Meeresgrund.

Fast minütlich gehen an mir schwarze Verkäufer, beladen mit Ketten, Hüten, Armbanduhren, Schuhen, Handtüchern und allerlei Krimskrams vorbei. Die meisten Menschen ignorieren sie. Der Jüngste dieser Verkäufer kann keine 15 Jahre alt sein.

Als sich wieder ein abgezehrter, hagerer Mann mit Goldringen zu mir hinunter beugt und ich entschuldigend Nein sagen muss, da ich weder Ketten, Hüte, Armbanduhren, Schuhe, Handtücher und allerlei Krimskrams brauche, biete ich ihm eine Nektarine an. Er lächelt, „Ramadan“, dann fügt er ein „Grazie!“ hinzu und trottet davon.

Ruinen, die Geheimnisse längst vergangener Zeiten bergen
Ruinen, die Geheimnisse längst vergangener Zeiten bergen

Wie lästige Fliegen werden sie verscheucht, von den meisten ignoriert

„Vu cumprà“ nennt man die meisten dieser Verkäufer. Viele illegal, zur Billiglohnarbeit gezwungen. Sie zahlen meist horrende Preise für hässliche und kleine Wohnungen, empfangen einen unregelmäßigen Lohn -wenn überhaupt- und werden schikaniert. Sie gehen den gesamten Tag, bis spät in die Nacht, an Stränden wie in Sistiana auf und ab und versuchen, gefälschten Ramsch an den Mann respektive an die Frau zu bringen. Sie klimpern mit Ketten, Armbanduhren, wedeln mit Hüten, Schuhen, Handtüchern.

Während ich zum Urlaub machen hierherfahre, auf der faulen Haut liege und die Schönheit Italiens genieße, ziehen an mir Gestalten vorüber, deren Existenz mehr als bedroht ist. Die unglaubliche Schicksale und Geschichten hinter sich haben, die Schiffbruch erlitten, unter grauenhaften Bedingungen leben müssen: Mir wird schlecht. Ich muss mich in den Schatten der Bäume zurück ziehen. Später kotze ich auf der Luftmatratze liegend ins Meer.

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