„Warum erst jetzt?“

Am Samstag, den 08. November 2014, fand in Gratkorn eine von mir organisierte Gedenkveranstaltung statt. Dies ist ein Nachbericht zu einem nachdenklich stimmenden Abend, der vor allem eines zeigte: Das Interesse an Aufarbeitung und sinnvoller Gedenkkultur ist vorhanden – und die Erinnerung an Gräueltaten der Nationalsozialisten nach wie vor da.

„Warum erst jetzt?“, fragt der ältere Herr. Seine Stimme bricht, meine Hand schüttelt er nach wie vor. „Warum erst jetzt?“ Er hat das alles miterlebt, als „kleiner Bub“, wie er meint, kann sich an alles noch erinnern. Die Todesmärsche, die abgemagerten Gestalten in Häftlingskleidung. Warum bemüht man sich erst jetzt, 69 Jahre danach, um eine Aufarbeitung der damals geschehenen Gräueltaten? Ich kann die Frage nicht so recht beantworten. Vielleicht weil es leichter ist, zu vergessen und zu verdrängen.

1
Gemeinsam mit Verantwortlichen der Marktgemeinde Gratkorn – sowie Karl Haidmayr und Karl Kubinzky (Foto von Werner Gasser)

Ein wenig mehr als 80 Personen kamen am Samstag, dem 8. November 2014, in die Musik- und Kunstschule Gratkorn, nicht um zu vergessen – sondern um sich an zwanzig in Gratkorn ermordete ungarische Jüdinnen und Juden zu erinnern. Das Interesse war groß, schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn fanden sich Leute ein, mehrmals konnte ich Gesprächsfetzen aufschnappen über „die damalige Zeit“, „Naziverbrecher“ und „Morde“. Für die musikalische Umrahmung sorgten Karl Haidmayer und Karlheinz Pöschl, die die Veranstaltung auch mit einem Musikstück eröffneten. Nach Begrüßungsworten von Karlheinz Pöschl hielt ich eine kurze Rede zu den Geschehnissen des 04. April 1945.

„Menschen – keine Nummern!“

Den ersten Vortrag des Abends hielt der berühmte Grazer Historiker Karl Kubinzky. Er begann mit einer sehr langen Liste von Ortsnamen der Steiermark – Orte, an denen überall aufgrund der durchführenden Todesmärsche gemordet wurde. Danach gab er einen kurzen Überblick über den Kriegsverlauf im April 1945, erklärte den vorgesehenen „Sinn“ des Südost-Walls und gab einen Überblick in das von Pfeilkreuzlern beherrschte Ungarn. Den Hauptteil seines Vortrages bildete schließlich die kaltblütige Systematik hinter den Todesmärschen, ersonnen durch Heinrich Himmler: „Keiner der durch die Steiermark getriebenen sollte in die Hände der Alliierten fallen – es durfte keine Zeugen geben“, so Kubinzky. Noch am 26. April 1945 (zu dieser Zeit war Wien bereits befreit) verließen Todesmarsch-Transporte Graz. Kubinzky beendete seine Rede mit mich sehr nachdenklich stimmenden Worten:

„Wir reden immer von so und sovielen Opfern. Dennoch dürfen wir eines nicht vergessen: Es handelt sich immer noch um Menschen. Keine Nummern!“

3
Dr. Rainer Possert hielt den zweiten Vortrag des Abends über das Grazer Lager in Liebenau (Foto von Werner Gasser)

„Bauakten, Polizeiakten – all das ließ man in Graz einfach verschwinden.“

Den zweiten Vortrag des Abends hielt Rainer Possert, der sich schon lange mit dem Lager in Liebenau beschäftigt. Er gab einen Überblick über das Lager am Grünanger und welche Gräueltaten dort passierten. So beteiligte sich auch der Werkschutz der Puchwerke dort an Mordaktionen. Nicht nur am 04. April 1945 verließ eine Kolonne das Lager – ständig, wie Possert eindrucksvoll zeigte, kamen Todesmarschkolonnen im Lager Liebenau an, um von dort aus weiter in das österreichische Konzentrationslager Mauthausen gesendet zu werden. Seltsamerweise ließ die Stadt Graz nach dem Ende des Nationalsozialistischen Reiches sämtliche Bauakten und Polizeiakten rund um das Lager einfach verschwinden. Mehr noch: Der damalige Bürgermeister von Graz, Alexander Götz (FPÖ), wollte das gesamte Gebiet schleifen lassen und Wohnungen darauf errichten. Am Ende seines Vortrages verlas Possert noch zwei bewegende Zeitzeugenberichte.

4
Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Karl Haidmayr und Karlheinz Pöschl (Foto von Werner Gasser)

„Es ist fantastisch, dass sie der Opfer gedenken und sie nicht vergessen!“

Nachdem ich die offiziellen Grußworte des ungarischen Botschafters in Österreich, Gabor Hajas, verlas (die vollständigen Grußworte findet man hier: Gratkorn), der die tatkräftige Hilfe der Botschaft bei der Errichtung eines Gedenksteines versicherte, sprach Antony Scholz, der ehemalige Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Graz. Sichtlich bewegt dankte er allen Anwesenden: „Es ist fantastisch, dass sie der Opfer gedenken und sie nicht vergessen.“ Anschließend betete er ein Kaddisch, eines der wichtigsten jüdischen Gebete.

Ein Zeichen gegen das Vergessen – und für das Erinnern

Mehr als 80 Personen kamen zur Gedenkveranstaltung, aus der Dult selbst kamen acht AnrainerInnen. Neben politischer Präsenz aus Gratkorn (Bürgermeister, Gemeinderäte) erschien auch der Obmann des örtlichen Kameradschaftbundes. Sie alle kamen – und setzten damit ein Zeichen gegen das Vergessen und für das Erinnern.

Einen Livestream der Gedenkveranstaltung kann man hier nachsehen. Aufgrund der schlechten Internetverbindung ruckelt das Bild jedoch gehörig; der Ton steckt ab und zu auch. Die Veranstaltung beginnt ab Minute 26:16

2 Antworten auf “„Warum erst jetzt?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.