Was hält Europa noch zusammen?

„Europa bricht auseinander, Europa hadert mit ständigen, der Divergenz dienenden Problemen.“ – Ist dies ist ein unwiderlegbarer Sachverhalt? Im Rahmen eines europäischen Essaywettbewerbs stellte ich mir die Frage, was (uns in) Europa noch zusammenhält.

„Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles“
(Theodor W. Adorno)

Betrachtet man die jüngsten Ergebnisse einer Prognose von Experten verschiedener US-Geheimdienste, so könnte das organisierte Verbrechen bis zum Jahr 2025 die Herrschaft in einem nicht näher definierten Staat in Osteuropa an sich reißen. Die aktuelle politische Situation ist nicht vollkommen von einem solchen Defätismus geprägt, wenn auch der Westen Europas dazu neigt, die Folgen der Diktatur im ehemaligen Ostblock zu unterschätzen. Machtkämpfe in Rumänien, Korruptionsskandale in Tschechien und autokratische Tendenzen in Ungarn inkludieren einen zu komplexen Hintergrund als dass man diese politischen Extravaganzen als kurz aufflackerndes Kuriosum der heutigen Zeit abhandeln darf.

Die bekannte Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt schreibt dazu passend, dass „Unfähigkeit zum Kompromiss und der Hang zur Korruption“ natürliche Konsequenzen einer von Diktatur und totalitärer Herrschaft beeinträchtigten Mentalität darstellen. Die Erfahrungen von Machtmissbrauch und Opportunismus prägen noch lange Zeit nach dem Ende einer Diktatur die Gesellschaft, die sich in der neuen und ungewohnten Rolle nicht zurecht findet, und rufen Gleichgültigkeit und Misstrauen füreinander hervor. So werden politische Meinungsvertreter schnell zu erbarmungslosen Kontrahenten, so degradiert der Staat rasch zu einer Institution, die von Machthabern schamlos geplündert wird.

Diese postdiktatorischen Syndrome findet man ebenso (wenn auch merklich in einer durch den Krieg und die damit einhergehenden Folgen beeinflussten Form) im Süden Europas. In Ländern, die ehemals zu Jugoslawien gehörten, erschweren unüberbrückbare Differenzen zwischen Ethnien und politischen Parteien eine Manifestierung der friedliebenden Zivilisation und des Wohlstandes. Zusätzlich versuchen einflussreiche Wirtschaftsunternehmen auf ihre Art und Weise Nutzen und Gewinn aus der schwierigen Gesamtsituation zu ziehen.

Die Europäische Union als im Stillen agierender Konquistador?

So ermittelt beispielsweise die Europäische Union unter dem Deckmantel „Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess“ durch Inspizierungen in Bosnien-Herzegovina dessen Reife zur Möglichkeit eines Beitritts. Gründlich werden etwaige gewinnbringende Investitionen erwägt. Es hat den Anschein, dass der lokalen Politik die EU als möglicher Retter, deren Unternehmungen als Geldsegen vermittelt wird. Einige empfinden die Situation jedoch als würden sie und das jeweilige Land wie Hänsel im Käfig der Hexe nach dessen Investitionsmöglichkeiten und Gewinnchancen abgetastet, als würde die EU als im Stillen agierender Konquistador bereit stehen.

In Slowenien stieg die Zahl der Arbeitslosenrate in den letzten Jahren, viele SlowenInnen äußern immer öfters ihren Unmut über die Mitgliedschaft in der EU. Kroatiens Hoffnungen auf einen Investitionsboom durch den EU-Beitritt werden sich aufgrund eines hohen Haushaltsdefizites nicht erfüllen, zu sehr begründete man den vorschnellen Beitrittswunsch mit seiner (nahezu peripheren) europäischen Tradition. Begannen westliche EU-Staaten in relativ rascher Zeit mit Investitionen in ehemaligen Sowjetländern, so blieben nach dem Zusammenbruch von Jugoslawien ausländische Direktinvestitionen aus.

Europa darf dennoch hoffen.

Europas Zukunft lässt sich nicht nur dystopisch beschreiben, es existiert vieles, das Hoffnung gibt. Wirtschaftlich gesehen hat Osteuropa die Finanzkrise überstanden, selbst Kapitalabflüsse, die in den letzten Jahren stark waren, scheinen sich zu verlangsamen. Hohe Ausbildungsstandards unter der Bevölkerung, ein funktionierendes Rechtssystem und eine stärkere Rolle des Privatsektors in der Wirtschaft lassen auf bessere Zeiten hoffen. Doch geht es nach Jean Ziegler, so darf Europa nicht nur eine wirtschaftliche Großmacht sein, Europa muss auch eine moralische Großmacht bilden und doppelzüngige Oppositionsgedanken (wie etwa bei einer Entscheidung über eine UN-Resolution über das Lager Guantanamo) so rasch als möglichst beenden, denn jene führen zu einem beträchtlichen Verlust an Glaubwürdigkeit.

Negative Begleiterscheinung der bisherigen Sparpolitik ist ein enormer Zulauf an Wählern für rechtsextremistische Parteien (siehe Griechenland oder Ungarn), deren Programme wahrlich nicht für den Erhalt eines friedlichen und vereinten Europas verantwortlich wären. Eine ständige Erinnerung an die Vergangenheit, weniger mahnend als stärkend, wäre vor allem unter der Jugend Europas förderlich und würde nicht nur zur Vorbeugung vor solch antidemokratischen Gedankengut dienen, sondern auch zu einem klareren Verständnis für die Größe und Vielseitigkeit Europas beitragen.

Interpretiert man den Widerstandskämpfer und Autor Stéphane Hessel, so sollte die Jugend heutzutage Europa als etwas Großes begreifen. Vielleicht nicht als Etwas mit Grenzen, als Gebiet, dass sich vom Westen Portugals bishin zum Ural im Osten erstreckt. Europa ist kein Ort, Europa ist vielmehr eine Idee. Eine Idee, die laut Hessel schöne als auch unerträgliche Facetten zeigen kann. Sieht man bewusst das Unerträgliche und entsagt man sich zugleich der gefährlichen Teilnahmslosigkeit –empört man sich also– wird man Teil eines Ganzen, dass sich in weiterer Folge dem Unerträglichen stellt. Wird man Teil eines Europas, welches nicht untätig zusieht und welches sich um die Zukunft dieser Idee sorgt und kümmert. Empört sich die Jugend, das Volk, die Gemeinschaften aufgrund der Misstände in Europa, kommt es zu einer ertragreichen Wechselbeziehung – gleichzeitig mit der maßlosen Empörung bauen sie alle an einem starken und engagierten Europa, welches vor Motivation und purer Lebensfreude nur so strotzt, welches Fehler und Irrwege ausgleicht und neu, gekräftigt und orientiert beschreitet.

Europa als einzigartige Idee mit vielen Facetten

An Europa gehört noch vieles verändert. An Europa lässt sich vieles noch verändern. Europa ist nie genug, Europa ist ein fortlaufender Prozess. Ein Prozess der ständigen Verfehlungen und Probleme, der andauernden Empörung. Europa ist eine Vision, die von verschiedensten Elementen geprägt werden wird, die von einer Vielfältigkeit zehren wird. Denn Europa bedeutet auch Andersartigkeit, Menschen in Europa sind nicht alle gleich. Und das ist gut so. Damit sei keineswegs die notwendige und erstrebenswerte Gleichheit eines jeden vor der Judikative gemeint.

In anderen Worten, es geht hierbei um die Feststellung, dass die Vielfalt der Kulturen, der verschiedenen Sitten und Gebräuche in Europa wünschenswert ist. Das Gefühl der Fremdheit und des Anders Sein ist keineswegs ein negatives, es wird in der heutigen Zeit nur zu schnell zu solch einem gemacht. Die Diskriminierung von sogenannten Ausländern ist nur eine Form dieser verkehrten Auffassung der Fremdartigkeit. Europa sollte hingegen Stolz verspüren darauf, fremd und anders zu sein. Denn erst wenn man diese Vielfalt, diesen Reichtum an Fremdheit als solchen annimmt und versteht, kann man Vertrauen, Selbstbewusstsein und Kraft schöpfen. Füreinander, ineinander und miteinander. Vereinigung durch Vielfältigkeit, gemeinsames Handeln durch Unterschiedlichkeit.

Das hält Europa noch zusammen. Das einigt uns, lässt uns glauben, lässt uns hoffen. (M.T., 08. Februar 2013)

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