Wedding, immer wieder Wedding

Andi ist 65 und hat Krebs. Die Krankheit ist schon ziemlich fortgeschritten, sagt er, während er nachdenklich die Zigarette zwischen den Fingern hin und her dreht. Man versteht ihn sehr schlecht, ob des Alkohols oder ob seiner eigenartigen Weise zu sprechen, vielleicht gar wegen beidem.

Ursula zieht an ihrer Kippe, das blonde Haar fällt ihr ins Gesicht. Sie scheint so alt zu sein wie die Jukebox, die gerade von einem hageren Mann angeworfen wird, ihre Stimme krächzt, sie findet einige harsche Worte für einen Gast, der ein wenig Bier auf den Tresen verschüttet.

Der Gast ist der Bruder von Ole, von allen Teenie-Ole genannt, da er sich ständig wie einer kleidet. Ole hat schon sehr viel getrunken, wiegt nur mehr 62 Kilo und will trotzdem abnehmen. Er warnt davor, sich auf den Tresen zu lehnen, denn da bekäme man Hautfäule oder Lepra oder schlimmeres.

Seine Stimme ist fast ein Zischen, wenn sie sich nicht überschlägt. Er springt auf und ab und gestikuliert wild. Er ist stolz darauf, aus dem Westen zu kommen, Andi schüttelt den Kopf. Da erklingt Falco, und während Andi einen tiefen Schluck nimmt, beginnt Teenie-Ole auf und ab zu springen.

Darf ich dir was sagen, brüllt er, darf ich dir was sagen, Falco war ein Held, ein Original, der Beste. Darf ich dir was sagen, brüllt er, ich sag dir was, der hat gewusst dass er sterben wird, der hat das selbst gemacht. Darf ich dir sagen, ich sag dir, Outside the Dark ist mein Lieblingslied.

Ole ist zu alt für seine Kleidung und besaß früher 2800 CDs. Christine vom Bahnhofszoo hat er persönlich gekannt, auch Marlene Dietrich durfte er mal begleiten. Die CDs hat er übrigens alle im Mauerpark an Touristen verhökert.

Das Lokal ist verraucht, aber nicht voll besetzt. Schummrige Lampen verbreiten gelbes Licht, der Fußboden glänzt matt grau, Plastikpflanzen verstauben in den Fensterscheiben. Der Magendoktor ist eines der ältesten Lokale im Wedding, laut Andi noch älter als Teenie-Ole. Andi kommt aus dem Osten und war jahrelang in Bern, bevor er mit seinem Sohn nach London ging.

Der kommt ihn ab und zu besuchen, während Ole heute bei seiner Mutter Formel Eins geschaut hat. Jordan war früher viel besser, Andi meint es gibt die Mannschaft gar nicht mehr, da spuckt die Musikbox Jeanny aus, und Ole vergisst auf den verseuchten Tisch, er klatscht begeistert auf die zerfurchte Fläche.

Der Wedding, der Osten im Westen, meint Andi, und drückt seine Zigarette aus. Ursula lächelt müde und gestattet dem Gast an der Theke einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté. Die Perle Berlins, murmelt der gedankenversunken.

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