Weiße Nacht

Kahle Wände. Helles weißes Licht. Kleiner Raum. Kein Fenster. Erwachen. Blutunterlaufene Augen. Geschwollen. Schleier. Blinzeln. Ächzen und Stöhnen. Aufstehen. Nackt. Du richtest dich auf. Fühlst die kalte Wand mit deinen Händen. Tastest. Nichts ist so, wie es scheint. Die Wände flüstern. Du lebst noch. Atme. Fühle. Sie werden dich loslassen. Du kannst bald gehen. In die weite Welt. In deine Welt. Zurück. Nicht mehr hier sein. Fort. Die Wände verwandeln sich. Werden zu großen groben Gestalten in weißen Mänteln. Bestien. Sie winken mit ihren Händen. Der Fußboden rast auf dich zu. Er begrüßt dich. Nimmt dich auf wie einen alten Freund. Schmerz. Etwas tropft. Weiß wird rot. Komm. Steh auf. Sie nehmen dich mit. Dir wird schwarz vor Augen. Wieder erwachen. Du liegst im Gras. Heller, warmer Sonnenschein. Um dich herum stehen Bäume, mit alten, knorrigen Ästen, die sanft im Wind zittern. Der Boden ist weich, freundlich. Ein Käfer krabbelt vorbei, du blickst auf.

Hinter dir befindet sich ein Wald, grün, groß. Es duftet nach Harz und Erde. Vor dir liegt ein kleines Tal, in der Mitte ein kleines Häuschen. Du weißt, dass dieses Haus dir gehört. Du weißt, dass du zurück bist. Du weißt, du bist daheim. Freudig stehst du auf, gehst die Wiese entlang, bis du zu einem kleinen, gewundenen Pfad kommst, der dich vor die Tür des Häuschens führt. Sie schwingt knarrend auf, jemand springt heraus. Ich habe auf dich gewartet. So lange. Habe die Tage gezählt. Sie fällt dir um den Hals. Du lächelst, bist glücklich. Ihr Haar, golden, ihre Nähe wärmt. Sie küsst dich, drückt dich fest. Du spürst sie. Wo warst du nur. Sie zieht dich ins Haus. Auf dem Holztisch wartet eine Schüssel mit Grießbrei, daneben ein Glas Wasser, es duftet, du hast Hunger, setzt dich. Sie nimmt beschwingt neben dir Platz, beginnt, zu sprechen, die Worte fließen aus ihrem Mund, sie erzählt, was während deiner Abwesenheit passiert sei. Deiner Abwesenheit.

Nachdem sie kamen, um dich zu holen. Dir die Zukunft zu stehlen. Du nimmst den Löffel und beginnst zu essen, es schmeckt wunderbar, besser als je zuvor. Du blickst dich um, es hat sich nichts verändert, an der Wand hängen Fotos, die alte Uhr. Sie tickt. Sie läuft. Rückwärts. Dir wird abrupt flau im Magen. Du starrst an die Wand, auf die Uhr, während sie spricht und lacht. Du wendest dich ihr zu. Sie sieht dich mit großen Augen an, verliebt, verlobt. Du siehst ihr weißes Kleid. Es beginnt zu strahlen. Sie lacht wieder. Das Weiß saugt die Umgebung auf. Es saugt dich auf.

Weiß. Du verabschiedest dich. Brüllst lautlos. Verschwindest. Findest dich wieder. Um dich herum Wände. Kahle Wände. Weißes, künstliches Licht. Sie lassen dich liegen, drehen sich um, machen kehrt. Sie werden nie wieder kommen. Es tropft noch immer. Warme Flüssigkeit. Die Wände kommen näher. Kalte Wände. Die Tür fällt ins Schloss. Nicht mehr aufwachen. Du flüsterst. Weiter träumen. Von einer anderen Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.