PR? Keine Verpflichtung.

Für eine Abschlussarbeit im Studienfach „Berufe in Journalismus und PR“ befragte ich Mag.a Olivera Stajić, Ressortleiterin bei daStandard, am 15. Februar zu Funktionen des Journalismus, die zu erwartende Veränderung des daStandard-Ressorts und zu Aussagen von Charles Ritterband.

 „(…) ein Journalismus, der irgendwie immer nur konform geht und der nie aufmüpft, das ist kein Journalismus. Das ist bestenfalls PR.“ OLIVERA STAJIĆ

Nebst einer Journalistin und Autorin ist Stajić auch verantwortlich für ein besonderes journalistisches Feld – ein Ressort, welches eigenständig und ungeachtet der österreichischen Tagespolitik Geschichten veröffentlicht und eine einmalige Plattform für Berichte mit Migrationshintergrund darstellt. Bei daStandard arbeiten nur Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund, Stajić obliegt die Planung und die Redigierung von Texten, sie sorgt ebenfalls dafür, dass die Texte online gehen und im Online-Bereich des Standards sichtlich platziert werden.

„Nur weil man Migrationshintergrund hat ist man nicht qualifiziert für Journalismus. Skill ist dennoch, zwischen zwei Welten aufgewachsen zu sein. Journalismus ist ein Beruf, da braucht man Lebenserfahrung und eine besondere Sicht auf die Welt. Vielleicht nicht wie Balkansky. Aber man muss die Welt sehen, viel anschauen.“ STAJIĆ, 25. Oktober 2012

Für meine Arbeit befragte ich Stajić zu Funktionen des Journalismus, definiert von Ruß-Mohl. Ruß-Mohl führt an dass unter der Voraussetzung des wirtschaftlichen Erfolges von Medien Journalisten bestimmte gesellschaftliche Aufgaben erfüllen. Ich traf eine kleine Auswahl und befragte Stajić, inwiefern diese Funktionen in ihrem Berufsfeld (respektive von ihr selbst) erfüllt werden.

Funktionen des Journalismus: Artikulation, Agenda Setting, Kritik- und Kontrollfunktion

daStandard behandelt ein sehr spezifisches Themensegment, welches in der österreichischen Medienlandschaft nicht in diesem Ausmaß behandelt wird: „Wir behandeln ein sehr sensibles, sehr spezifisches Thema, das in der restlichen Medienlandschaft vielleicht nicht so behandelt wird wie wir das gerne erwarten würden“. Dass daStandard mit einer ganz gewissen Intention Agenda Setting betreibt, ergibt sich von selbst.

Weiters sollten Journalisten und Journalistinnen eine gewisse Kritikund Kontrollfunktion inne haben. In der heutigen Zeit, in welcher die Demokratie immer mehr zu einem gnadenlosen System wechselseitiger Machtbegrenzung mutiert, ist Journalismus nebst der Legislative, Judikative und der Exekutive der einzige nichtstaatliche Machtfaktor. Weiters, so Ruß-Mohl, sollte Journalismus ein gewisser Unruheherd bleiben, denn wer die Arbeit von Journalisten behindert, stranguliere den letzten Rest an Demokratie, den es in manchen Ländern zu finden gibt.

„Journalisten müssen Staatsfeinde sein, denn sonst sind sie keine Journalisten.“ CHARLES RITTERBAND, 4. Oktober 2012

Besonders drastisch drückte es Charles Ritterband anlässlich eines Vortrages an der FH Joanneum Graz aus: „Journalisten müssen Staatsfeinde sein, denn sonst sind sie keine Journalisten“. Obwohl Stajić der Terminus Staatsfeind zu radikal erscheint, stimmt sie Ritterband insofern zu, dass Journalismus schon eine gewisse Art der „Aufmüpfigkeit“ aufweisen sollte: „Staats- oder Systemfeinde, das wäre mir jetzt etwas zu radikal in einer Demokratie. Aber ich würde schon sagen, dass ein Journalismus, der irgendwie immer nur konform geht und der nie aufmüpft, das ist kein Journalismus. Das ist bestenfalls PR.“ 

Anhängerin eines Journalismus, der eine klare Meinung vertritt.

Ruß-Mohl führt ebenfalls an, dass Journalismus und Medien sowohl eine Bildungs-, als auch eine Sozialisationsfunktion erfüllen. Stajić meint dazu, dass „(…) indem man einfach Geschichten erzählt, die weniger bekannt sind, man Informationen verbreitet die man auch (…) unter allgemeinbildend laufen lassen kann“. Dass Journalismus mittels Sozialisation Wertmaßstäbe und Verhaltensnormen (hierbei sei daran erinnert, dass Ruß-Mohl sich klar von der verfremdeten und pervertierten Sozialisation der Massenführung durch das nationalsozialistische -ich würde hinzufügen sämtliche faschistische und linksextremistische- Regime abgrenzt und dennoch anmerkt, dass, in einem gewissen Abstand, Journalismus schon eine gewisse Leit- und Führungsfunktion haben darf) vermittelt, ist laut Stajić zumindest ein „Soll-Zustand“: „Ich bin auf jeden Fall eine Anhängerin eines Journalismus, der eine klare Meinung vertritt. Der von mir aus auch ein wenig parteiisch ist – weil es keine Objektivität gibt.“ 

Abschließend erlaubte ich mir die Frage, was sich im speziellen Umfeld des daStandards und sich für Stajić thematisch in Zukunft verändern wird.  Sie glaubt, wenn auch, wie sie selbst hinzufügt, vielleicht ein wenig zu optimistisch daran dass der Journalismus an und für sich in den nächsten Jahren etwas lockerer als bisher mit Migrationsthemen umgehen wird.

„Die Gesellschaft wird sich auch verändern, und ich glaube auch, dass die Hardcore-Gegner langsam begreifen, dass wir in einer Einwanderungsgesellschaft und in einer multikulturellen Gesellschaft leben“ OLIVERA STAJIĆ

Ich für meinen Teil interpretiere diese „Hardcore-Gegner“ vor allem mit aggressiven Postern in den Foren des daStandards, welche durchaus ein Problem darstellen. Fremdenfeindliche und rassistische Postings sind leider Teil der „Realität des Onlinejournalismus“ (Stajić beim Vortrag an der FH Joanneum Graz am 25. Oktober 2012). Wie auch schon Ritterband meinte, könnte man einiges an der Postingkultur generell aufgrund von Beschimpfungen und anderem fehlgeleiteten Geschwafel zum „kotzen“ finden.

Mit der einhergehenden Demokratisierung und Pluralisierung der Medien „(…) darf nun jeder (…)“ (Ritterband, Vortrag am 04. Oktober 2012 an der FH Joanneum Graz) seine Meinung posten, jedoch können diese Beiträge durchaus auch etwas positives haben, kommt es eben darauf an, welchen Nutzen man daraus zieht.

PR? Keine Verpflichtung.

Zu merkbaren Beziehungen zwischen PR und Journalismus kommt es nur in einer negativen Art und Weise, nämlich wenn Organisationen und Gruppierungen das Ressort daStandard mit einer Art Klienteljournalismus verwechseln: „Dass wir irgendwie für irgendwelche Vereine Lobbying machen, Berichterstattung machen über irgendwelche Veranstaltungen die uns gar nicht sympathisch sind. Die wir gar nicht wichtig oder interessant finden“. Aufgrund dessen, dass daStandard über gewisse Migrationsthemen berichtet, glauben einige Organisationen und Vereine, ein Sprachrohr für Veranstaltungen gefunden zu haben. „Es gibt immer Angebote. Aber darauf gehen wir nicht ein. (…) Wir fühlen uns nicht verpflichtet, PR zu machen.“ 

Zur Person

Mag.a Olivera Stajić, Ressortleiterin bei daStandard, geboren 1979 in Wien, aufgewachsen in Bosnien-Herzegowina. Nach dem Studium von Geschichte und Publizistik Praktika bei Telekom-Presse, Mitarbeit bei Migrantenzeitschrift. 2009 erfolgt unter ihrer Leitung der Aufbau des Ressorts daStandard bei der Tageszeitung „Der Standard“ mittels der Idee „Durch Seperation zum Mittelpunkt werden“. Seit Juli 2012 zudem „Chefin vom Dienst“ bei Der Standard.at

(M.T., 15. Februar 2013)

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