Wirbelgeschichten #1

Mit einem besonderen Projekt nahm ich auch am diesjährigen Lendwirbel teil. Ich hörte mir am Mariahilferplatz Geschichten an, um frei nach Liao Yiwu den Klang des Lebens zu packen und ihn zum Vorschein zu bringen. Mir gegenüber nahm Johannes Silberschneider, bekannt aus Film, Theater und Fernsehen, Platz.

„Wenn sie mir sagen, wo der nächste Bankomat ist, dann erzähl ich ihnen eine Geschichte“, meint der Herr, nimmt seinen schwarzen Hut ab und setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber. Dann überlegt Johannes Silberschneider. Seine Augen huschen hin und her. Mehrmals setzt er an. „Sie haben mich zu schnell gefragt. Aber in der Straßenbahn, jetzt gerade, ist mir etwas irres passiert. Ein laut telefonierender Mann saß in der Ecke. Südlich, östlich, ich kann das nicht einschätzen, keine Ahnung, sagen wir mal: Aus dem Irak. Dann kommt ein behinderter Mann mit seinem Sohn, ich mache den Platz neben mir frei. Und der Sohn beginnt sich zu beschweren, über den laut telefonierenden Mann. ‚So gehts nicht, so gehts nicht. Sowas gehört eigentlich ins Gas‘, sagt der. Und denke mir dann: Wie ist das eigentlich mit dem Rassismus? Verstehens, wie ein jugendlicher Rowdy, so laut hat der telefoniert. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. So etwas kann man, glaube ich, nur einzeln klären. Nicht auf einer nationalen Ebene. Sondern einzeln.“

© Lucas Kundigraber

Es beginnt zu regnen, wir laufen in den Kreuzgang der Minoriten, und führen das Gespräch fort. „Was ist die Wahrheit eigentlich? Was gehört sich, was gehört sich nicht? Darf ich dem sagen, dass er zu laut telefoniert? Sicher. Aber wie? So, wie der Sohn vom Behinderten? Das ist ja auch so eine Sache. Wie funktioniert Erziehung? Habe ich deswegen keine Kinder, oder ist das deshalb, weil ich Schauspieler bin? Wie sie merken, beschäftigt mich das, auch jetzt noch, und führte zu vielen anderen Gedanken. Es hat mich eben sehr befremdet. Eigentlich wollte ich gar nicht in die Tram einsteigen. Ich hatte nämlich eine Idee für ein Lied, summte das gerade vor mich hin. Aber dann bin ich dennoch eingestiegen.“

Ich frage Silberschneider, warum er nichts zum Sohn des Behinderten gesagt hat. „Weil ich zu feig bin. Man hätte beiden Parteien etwas sagen müssen. Aber ich habe mich nicht getraut. Alle rund um mich herum haben sich nicht getraut. Waren befremdet.“

© Lucas Kundigraber

Wir sprechen weiter, ich erzähle ihm mehr über mein Projekt. Er meint, dass die Leute, die zu mir kommen, das vielleicht wie eine Beichte sehen. „Wie hier in der Kirche, da gibt es auch so offene Beichtstühle, kennen sie die?“ Silberschneider will mich hineinführen, ich winke aber ab, ich kenne sie, die Beichtstühle in der Mariahilferkirche, war ja lange Ministrant hier. „So wie in Medjugorje, dieser Wallfahrtsort. Dort war ich auch einmal, habe mir das angesehen. Die Darstellung der Maria Muttergottes gefällt mir wunderbar.“ Er holt ein kleines Kartenpäckchen aus seiner hinteren Hosentasche, die Medjugorje-Muttergottes ist auf einem Bild darin. Die Hand am Herzen, die andere Hand weisend von sich gestreckt. „Das gefällt mir so gut. Es hat eine Bedeutung für mich.“ Silberschneider nickt. Ich erzähle ihm, dass ich auch oft in Medjugorje in meiner Kindheit war, und frage ihn, ob er auch auf den Kreuzberg und Erscheinungsberg gegangen ist. „Ja, da war ich oben. Und wissens was? Nachdem ich vom Kreuzberg wieder runter kam, sah ich lange Zeit nur blau. Das war sehr komisch.“ Silberschneider nimmt sein Säckchen und den Hut, zum Regnen hat es aufgehört. „Am Lendplatz gibt’s einen Bankomaten, ja?“ Er geht weiter.

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