Wirbelgeschichten #2

Mit einem besonderen Projekt nahm ich auch am diesjährigen Lendwirbel teil. Ich hörte mir am Mariahilferplatz Geschichten an, um frei nach Liao Yiwu den Klang des Lebens zu packen und ihn zum Vorschein zu bringen. Von der DDR, die gut war, einer Reise zur Nordspitze in Neuseeland und dem Sparverein „Glückliche Zukunft“.

Die DDR, die gut war

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Die junge Frau lacht mich an, als ich ihr von meinem Projekt erzähle, und nimmt entschlossen mir gegenüber Platz. Wir wechseln ins Englische, als sie zu erzählen beginnt. „Als klar wurde, dass ich in Graz ein Auslandssemester absolvieren werde, entschied ich mich, mit dem Rad von mir daheim in Schweden nach Graz zu fahren. Ich hatte Zeit. Viele Leute, Bekannte und Freunde, begleiteten mich auf diesem Weg. Auf der Strecke Berlin – Prag fuhr ich dennoch oft allein. Sah viel von Ostdeutschland, fuhr durch halbleere Dörfer, die eigentlich selbst viele Geschichten zu erzählen haben. Viele Straßen sind nicht asphaltiert, sondern bestehen aus Platten, das macht dann ein eigenes Geräusch, wenn man mit dem Rad darüber fährt.“ Sie macht das Geräusch nach, und fügt hinzu, dass es anders klingt, wenn Autos darüber fahren. „Dann, irgendwo in Fischbeck oder so ähnlich, traf ich einen Schafsbauern. Der konnte alles mit Rädern reparieren. Wir saßen zusammen, tranken Bier. Ich erzählte ihm, dass ich selbst eine Bauerntochter bin. Du weißt ja, beim Reden kommen die Leute zusammen, man erzählt sich Geschichten. Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und fragte neugierig: ‚Und, wie war es in der DDR?‘ Und er wurde still, hielt sein Bier, seine Augen bekamen einen Glanz. Und dann sagte er nur: ‚Es war gut.‘“ Es war gut, das sagte die junge Frau in Deutsch, dann schweigt sie kurz, ehe sie in Englisch wieder beginnt zu erzählen: „Daran erinnere ich mich seit dem immer: Geschichte ist niemals nur schwarz und weiß. Und sie wird schlussendlich nur von den Siegern geschrieben.“

Die Reise zur Nordspitze

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Es war zu Beginn seiner Reise durch ganz Neuseeland, alleine, auf dem Rad. „Ich wollte zur Nordspitze hinauf fahren. Nach einer Nacht in einem Hostel, das einem gewissen Mike gehörte, fuhr ich los.“ Der junge Mann mit Bart fährt sich durchs Haar. „Ich hatte alles dabei: Mein Rad, alle Sachen. Fuhr bei Sonnenaufgang los. Dachte mir, dass die Strecke einfach werden würde. War sie aber nicht. Es ging bergauf, bergab, ich musste schnell mal schieben.“ Er lächelt, beginnt von einer gewissen Einsamkeit zu erzählen, die er dort kennenlernte. „Rund um mich herum nur Farmland. Wiesen, Schafe, Kühe, aber keine Menschenseele. Das war wunderschön. Ich erlebte noch nie etwas derart schönes.“ Wieder lächelt er. „Durch das Geräusch der Dosen in meinen Satteltaschen wurden die Schafe alle verjagt, liefen weg. Anders die Kühe; Die kamen alle her, rannten mir von einem Zaunende zum anderen nach.“ Und schließlich schaffte er es. Kam bei der Nordspitze an. „Ich ging zum Strand hinunter. Links der indische, rechts der pazifische Ozean, es war unglaublich. In der Mitte ein Turm. Wo sich die Wasser kreuzten, entstanden Karomuster im Wasser.“ Er nickt. Bei der Heimfahrt wird er vom Regen überrascht. „Ich verlor den Mut, mein Selbstvertrauen, die Überzeugung. War am Ende meiner Kräfte. Dann sah ich ein Auto, eine alte Frau nahm mich mit, rettete mich, brachte mich zurück ins Hostel. Und Mike? Der ließ mich eine Nacht gratis dort pennen. Aus Respekt.“

Der Sparverein „Glückliche Zukunft“

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Der Herr nimmt mir gegenüber Platz, stellt das Bier neben sich auf den Boden. „Ich habe eigentlich keine spannende Geschichte, aber dafür eine herzige, wie ich finde. Wir gründeten vor kurzem einen Sparverein!“ Ich frage nach, wer denn „wir“ sei. „Wir, das sind verschiedene Leute. So um die 30 Personen, alles Leute aus dem ehemaligen Exil in Graz. Nach dem Ende des Exils hat es uns alle ja in alle möglichen Windrichtungen verstreut. Am Anfang war das nur so ein Hin- und Herscherzen, eher eine g’soffene G’schicht. Aber eine liebe alte Freundin aus Jugendtagen fand in einem Hotelkeller in Graz einen Sparvereinskasten. Den bekam sie dann geschenkt, wir haben das dann nach allen Regeln der Kunst angemeldet und offiziell gemacht.“ Er zwinkert und lacht. „Ich finde das so herzig. Es hat so einen Klassentreffen-Charakter. Unser Sparverein, der heißt ‚Sparverein Glückliche Zukunft‘. Am Land bildet sich ja immer so eine Gemeinschaft um einen Sparverein, da gibts dann auch immer was großes, Deftiges zum Essen. Bei uns gibt’s Käsetoast.“ Wieder lacht er, und meint zum Abschluß: „Und wenn wir alle genug gespart haben, fahren wir mit der transibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok. Und wenn’s dafür nicht reicht, dann eben in die Weinstraße.“

Zum ersten Teil des Projektes: Teil 1

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