Wodka zum Frühstück.

Es ist früh am Morgen, wahnsinnig heiß und ich bin unterwegs zu meiner Arbeitsstätte. Der Bus ist brechend voll, dennoch konnte ich einen Sitzplatz ergattern. Mir gegenüber sitzt eine alte Dame, die immer wieder missmutig die Augen zusammenkneift. Ein betrunkener Russe schreit offensichtlich politische Wahrheiten von hinten nach vorne.

Die Leute sind genervt, verziehen die Gesichter. Ich muss grinsen. Er wird immer lauter, spuckt das Wort Putin mehrmals durch den Innenraum des Busses. Er spricht entweder mit sich selbst oder mit der Scheibe links von ihm. Amüsiert betrachte ich die Personen um mich herum, welche die Augen verdrehen, deren Gesichter immer missmutiger werden. Bei der alten Dame bleibe ich mit meinem Blick hängen, sie hat mein Grinsen bemerkt und beäugt mich misstrauisch.

Wieder brüllt der Russe -es hört sich auffallend nach „Nastrowje“ an-, da ruft mich ein kroatischer Freund an. Ich hebe ab, versuche das inzwischen zum Kreischen gewordene Brüllen im Hintergrund zu ignorieren und grüße ihn überschwänglich auf Kroatisch. Nach einem längeren (kroatischen) Wortwechsel zeigt auf einmal die Dame vor mir mit ihren kleinen, dicken Fingern auf mich und beginnt zu kreischen.

Etwas irritiert stocke ich im Gespräch. Ein Russenfreund, ein Russenfreund!, kreischt die Dame immer wieder, Wahnsinn und pure, nackte Angst stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Die Leute rund um uns herum richten zuerst neugierig ihre Blicke auf die alte Frau, dann ärgerlich auf mich.

Der Russe im Hintergrund bricht in seinem Wimmern plötzlich ab. Gefällt dir, dieses russische Gezänke, was!, schreit jemand von weiter hinten. Plötzlich kippt die Szene. Die Leute starren mich bösartig an, die alte Frau kreischt noch immer, der Russe im Hintergrund ist vergessen, man hat ein Opfer gefunden, ein Slawenfreund, gar ein Russe selbst, jemanden, dem es offensichtlich gefällt, wenn Betrunkene schreien und andere belästigen, jemanden, der sich am Leid anderer erfreut und sättigt, jemand, der eigentlich auch noch Schuld ist an der Hitze, die Verspätung des Busses und den teuren Ticketpreisen. Fäuste werden geschüttelt, die alte Dame bekommt einen Hustenanfall und kräftige Arbeiterhände packen mich. Das Mobiltelefon fällt mir aus der Hand, vor lauter Schreck verlassen nur krächzende Nonsenswörter meinen Mund.

Dann ist der Spuk vorbei, man wirft mich aus dem Bus, ich lande hart auf dem Gehsteig. Während ich mich aufrapple und ungläubig zurück schaue, schließen sich die Türen, die Menge johlt und feiert, applaudiert und tanzt. Die alte Dame scheint erstickt oder eingeschlafen zu sein, der Russe ist verschwunden. Empört richte ich mich auf. Ich fluche, dann drehe ich mich um. Wenigstens wurde ich diesmal direkt bei meiner Endhaltestelle hinausgeworfen.

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