Zeuge der Geschichte

Das Lesefest „FreiSchreiben. Literatur und Widerstand“ bat in den letzten Tagen  international bekannte AutorInnen, deren Werk sich durch literarisches Engagement gegen staats- und wirtschaftspolitische Repression auszeichnet, zum Gespräch und Diskurs in Graz. In diesem Beitrag, der meine Berichterstattung über FreiSchreiben schließt, wird Liao Yiwu vorgestellt.

Fotos: David Baumgartner

Im Rahmen des Lesefestes „FreiSchreiben“, dass von Sonntag, dem 10. November bis Montag, dem 11. November 2013 in Graz stattfand, erlebte ich mehrmals den bekannten Autor Liao Yiwu. Jener hat, wie auch die anderen Gastautoren, eine Grundbedingung des Humanen als Horizont und zum Subtext: die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen.

Liao Yiwu, geboren am 4. August 1958 in Yanting, ist ein chinesischer Schriftsteller, Dichter und Musiker. International bekannt wurde er durch seine Werke „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ und seine Gedichte „Massaker“ und „Requiem“. Yiwu wurde in der Volksrepublik China mehrmals inhaftiert, gefoltert und misshandelt; Im Sommer 2011 gelang ihm die endgültige Flucht aus China über Vietnam.

Yiwus Blick geistert umher, springt von Zuhörer zu Zuhörer – er mustert sein Publikum. Wenn er nicht selbst gerade performiert, vorträgt, schreit, flüstert, brüllt, wirkt der 55-Jährige geduldig, fast bedächtig. Es scheint, als würde er die zu erwartende Wirkung seines (in Deutsch vorgelesenen) Textes auf das Publikum abschätzen. Ein gnadenloser Selbstdarsteller, der weiß, wie er sich und seine Instrumente zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit macht, ein Mahnmal wider des Vergessens, der ursprünglich gegen seinen Willen als „lebendiges Tonband“ fungiert. Die Trinkfestigkeit, dies wiederholt er mehrmals, sei eine sehr wichtige Eigenschaft für Journalisten.

Liao Yiwu
Liao Yiwu

Liao Yiwu an der FH Joanneum Graz

Seine ersten Aufnahmen machte Yiwu 1990 – als er im Gefängnis war. Der Vorgang des Aufnehmens ist allerdings nicht mit dem eines Tonbandes gleichzusetzen – viel mehr speichert Yiwu als „lebendiges Tonband“ die Geschichten seiner Mitmenschen, seiner Begegnungen. Damals lag er zwischen zwei zum Tode Verurteilten. Der Mann links von ihm tötete seine Frau, zerstückelte die Leiche und aß Teile davon, der Mann rechts von ihm war ein gesuchter Ausbrecher.

Beide wussten, dass ihr Leben zu Ende gehen wird, und begannen, Yiwu ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Wollte der Chinese anfangs nicht zuhören, bemerkte er rasch, dass sich auch in ihm ein Drang des Erhaltens, des Bewahrens bemerkbar machte. Heute hat Yiwu mehr als 300 Geschichten aufgezeichnet und geschrieben, darunter Erzählungen, Interviews und Begegnungen.

Das Interview mit vielen ist ein verbitterter, langer Prozess. Trotzdem betrachte ich es als meine Aufgabe, den Klang des Lebens zu packen, zum Vorschein zu bringen.

Liao Yiwu – Fiktion und Wirklichkeit

Natürlich fragt man sich zurecht, wie viel Fiktion in den Beschreibungen und Erzählungen des Autors steckt, wie viel von ihm selbst ausgedacht wird. Dass er mithilfe der Geschichten anderer seine eigene Geschichte übertönen, verdecken will, gibt er offen zu.

Durch das Gefängnis dachte ich, dass ich der schlechteste Mensch der Welt bin. Dann beschäftigte ich mich mit dem Bodensatz der Gesellschaft. Dies ist ein wichtiger psychologischer Punkt in meinem Inneren.

Antikommunist sei er aufgrund der Verfolgung und der Repressionen, der Gefängnisstrafen und dem unglaublichen Leid, dass ihm durch die Volksrepublik China widerfahren ist, nicht. Vielmehr ist er politisch desinteressiert, bezeichnet sich selbst noch am ehesten als Anarchisten. Für ihn zählen wahre Werte wie Humanismus – und er glaubt an keine Religion.

In China herrscht ein krankhaftes System, wie in der UdSSR. Das einzige Ziel des chinesischen Regime besteht darin, Menschen zu töten. Das hat ja mit Kommunismus nichts zu tun – China ist nicht kommunistisch.

Liao Yiwu – Auszug aus „Requiem“

Zitiert

Requiem schrieb ich eigentlich für einen Film. Nach dem Tian’anmen-Massaker wollte ich den Film drehen, doch dabei wurde das ganze Filmteam verhaftet. Das Gedicht schrieb ich in der Nacht vor dem tatsächlichen Massaker, voller Wut und Zorn. Kasetten mit dem Gedicht darauf verbreiteten sich aufgrund eines Freundes in ganz China. Da sie es digitalisierten, existieren noch heute Aufnahmen.

Ins Gefängnis ging ich nicht freiwillig, ich versuchte mich zweimal umzubringen. Das Gedicht „Massaker“ hat nicht meines, sondern auch das Leben vieler anderer Chinesen verändert. Hätte ich es nicht geschrieben, wäre ich wahrscheinlich noch immer Dichter. So wurde ich zu einem „Zeugen-Dichter“.

Volles Haus im Vorlesungsaal an der FH Joanneum Graz
Volles Haus im Vorlesungsaal an der FH Joanneum Graz

Ergänzung: Auch Bloggerlegende Wolfgang Kühnert war anwesend und schrieb über das Lesefest FreiSchreiben: „Rückblick: Ein Tag im Zeichen des Schreibens“.

5 Antworten auf “Zeuge der Geschichte

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