Das Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem

„Die Generalversammlung, nach weiterer Erörterung der Lage in Palästina, (…) beschließt, daß denjenigen Flüchtlingen, die zu ihren Wohnstätten zurückkehren und in Frieden mit ihren Nachbarn leben wollen, dies zum frühestmöglichen Zeitpunkt gestattet werden soll und daß für das Eigentum derjenigen, die sich entscheiden, nicht zurückzukehren, sowie für den Verlust oder die Beschädigung von Eigentum, auf der Grundlage internationalen Rechts oder nach Billigkeit von den verantwortlichen Regierungen und Behörden Entschädigung gezahlt werden soll; (…).“ UN-Resolution 194 (III), 11. Dezember 1948, Artikel 11

„Israeli occupation forces stormed Aida refugee camp, Bethlehem, on Friday night and fired vast amounts of tear gas towards the houses of the camp. Six people, including a week-old baby, were suffocated and an Italian photographer was injured by a rubber bullet in her eye. One of the houses of the camp caught fire as a result of the tear gas cans fired.” Quelle

Die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 ist verbunden mit dem Terminus Nakba („Katastrophe“), der Vertreibung von 750.000 PalästinenserInnen aus dem bis dahin britischen Mandatsgebiet Palästina. Damit einher ging die Zerstörung von palästinensischen Städten und Dörfern sowie zahllose Tötungen von PalästinenserInnen. Der israelische Historiker Ilan Pape spricht im Zusammenhang mit der Nakba nach eingehenden Untersuchungen israelischer Militärarchive von „ethnischen Säuberungen“, begangen von jüdischen Milizen. Dem von Israel nach wie vor aufrechterhaltenen Narrativ von einem „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ stehen heute 5.5 Millionen palästinensischer Flüchtlinge gegenüber. Die UN Resolution 194 (III), Artikel 11, spricht den palästinensischen Flüchtlingen und ihren Nachkommen seit 1948 zwar ein Rückkehrrecht respektive Restitution aus, doch wurde diese Resolution bis heute nicht umgesetzt.

Das Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem wurde 1950 errichtet. Zuerst ein provisorisches Zeltlager und bewohnt von Menschen, die noch an eine Rückkehr in ihre Dörfer nach Kriegsende glaubten, wurde Aida bald ein Ort mit provisorisch errichteten Häusern in einer Stadt und mit Flüchtlingen, deren Hoffnungen auf eine Rückkehr in ihre Heimat im Laufe der Jahre schwand.

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Aida Camp

Sie konnten und können weder vor, und schon gar nicht mehr zurück. Wie den meisten Flüchtlingslagern in dieser Region gelang es auch dem Aida Camp und dessen BewohnerInnen in über 60 Jahren nicht, sich gesellschaftlich und/oder räumlich in Bethlehem oder Beit Jala „einzugemeinden“. Die Flüchtlinge sind und bleiben bis heute Flüchtlinge in mittlerweile vierter Generation, nach wie vor abhängig von der Unterstützung des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, kurz UNWRA. 1949 geplant und eingesetzt als temporäre Hilfestellung, wird das Mandat des Hilfswerks bis heute alle drei Jahre verlängert. Seit über 60 Jahren regelt UNWRA auch im Aida Camp von Müllabfuhr über Schulen bis hin zu medizinischer Versorgung alle Bereiche des täglichen Lebens der BewohnerInnen.

Palästinensische Flüchtlinge – Eine Identität von gestern

Die Flüchtlinge tragen eine Art von kollektivem Gedächtnis, welches auch eine 12-jährige vom Dorf ihres Großvaters schwärmen lässt, als wäre sie persönlich erst vorgestern aus diesem vertrieben worden und gestern im Lager angekommen. Die meisten Nachkommen der Flüchtlinge von 1948 sind jedoch noch nie selbst in jenen Gebieten gewesen, aus denen ihre Vorfahren stammen und dies, obwohl sie oft nur wenige Kilometer davon entfernt wohnen. Und doch – die im Jahr 1948 zerstörten Dörfer werden sehnsuchtsvoll und detailreich beschrieben, die Identität eines Flüchtlings wird so konserviert und von Generation zu Generation weitergegeben. Manchmal, so scheint es, bleibt die Manifestierung einer Identität von gestern das einzige und oberflächlich solide Element in einer Umgebung, die seit Jahrzehnten von allumfassender Instabilität gekennzeichnet ist.

Die ursprünglichen Flüchtlinge im Aida Camp von 1948, vertrieben aus insgesamt 17 Dörfern nordwestlich von Jerusalem und südlich von Hebron, sind eine mittlerweile aussterbende Fraktion in dieser anfangs so willkürlichen Zusammenstellung von verschiedenen Familien. Die Toten werden am Friedhof des Flüchtlingslagers begraben, der nicht etwa in Familiensektionen unterteilt ist, sondern in jene Dörfer, aus denen die Flüchtlinge und ihre Nachkommen stammen, um sie zumindest im Tod wieder zu vereinen.

Dem Gefüge des Ortes Flüchtlingslager und dessen Gesellschaft zu „entkommen“ ist nur wenigen möglich. Eine palästinensische Gesellschaft existiert aufgrund der seit mehreren Jahrzehnten andauernden israelischen Besatzung nicht mehr, sondern ist vielmehr als fragmentiert anzusehen. Die gängiste Trennung verläuft hier nach „Palästinensern in Jerusalem“, „Palästinensern im Westjordanland“, „Palästinenser im israelischen Kernland“, „Palästinenser in der Diaspora“ (hierzu gehoeren auch die Flüchtlinge in den Lagern ausserhalb der palästinensischen Gebiete) und „Palästinensern in Gaza“. Irgendwo dazwischen findet sich eine weitere Unter-Gruppierung, nämlich jene der palästinensischen Flüchtlinge, eine Bevölkerungsgruppe, auf die auch so manche „langeingesessene“ PalästinenserInnen mit Geringschätzung herabsehen, sie als Schmarotzer und noch Schlimmeres titulieren.

2008: 60 Jahre Nakba – Großväter übergeben Schlüssel zu ihren Häusern, aus denen sie vertrieben worden sind, an ihre Enkel

Actio-Reactio Beziehung zwischen Flüchtlingen und Nichtflüchtlingen

Es ist eine actio-reactio Beziehung zwischen palästinensischen Flüchtlingen und palästinensischen Nichtflüchtlingen. Nichtflüchtlinge benutzen das Flüchtlingsproblem für politische Zwecke, schmücken sich entweder mit der Unantastbarkeit des Rückkehrerrechts oder aber verfallen ins Gegenteil, indem sie auch die UN Resolution 194 unter den Tisch kehren. Auch auf individueller Ebene hat die schlechte Beziehung zwischen Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen Konsequenzen: Flüchtlinge werden von Nicht-Flüchtlingen nur selten als geeignete verwandschaftliche Bindungsmöglichkeit angesehen, weshalb in den meisten Fällen Eheschliessungen nur zwischen BewohnerInnen aus den Camps stattfinden – man bleibt gezwungenermassen unter sich. Diese nichtvorhandene Integration ist es auch, die die Anzahl an Flüchtlingen kontinuierlich weiter erhöht, anstatt sie zu mindern.

Viele Flüchtlinge haben eine solide Schulbildung, doch finden sie nur selten eine Arbeit. Die Arbeitslosenrate in den besetzten Gebieten ist hoch und viele Flüchtlingsfamilien verfügen nicht über jene Beziehungen, die nötig sind, um ihre Kinder in geeigneten Positionen unterbringen zu können. Zusätzlich führten der Bau der Mauer (die das Aida Camp von zwei Seiten umgibt) und die damit verbundenen Checkpoint-Bestimmungen dazu, dass zahlreiche CampbewohnerInnen ihre Arbeit im israelischen Kernland verloren. Sie konnten anschliessend nur ungenügend in den ohnehin marginal existierenden palästinensischen „Arbeitsmarkt“ integriert werden.

Gegenwärtig liegt die Arbeitslosenrate im Aida Camp bei 43 Prozent (anderen Schätzungen zufolge sogar bei  64 Prozent), 39 Prozent der BewohnerInnen leben unter der Armutsgrenze, d.h. von weniger als 2 U$D pro Tag. Durchschnittlich 17 Personen leben in einem Haushalt. Das Lager ist überfüllt, denn obwohl sich die EinwohnerInnenzahl (ca. 4 700) seit der Gründung fast vervierfacht hat, hat sich das Lager seither räumlich nicht erweitert, sondern existiert nach wie vor auf derselben Fläche wie 1950: 0.71 Quadratkilometer. Die beengte Situation des Lagers ist es auch, die die Situation für die BewohnerInnen während der ersten, insbesondere aber während der zweiten Intifada enorm verschärfte. Wochenlange Ausgangssperren, zahlreiche (teilweise gezielte) Tötungen durch die israelische Armee, Besetzungen von Häusern (deren BewohnerInnen oft wochenlang in einen Raum gesperrt wurden, während israelische SoldatInnen das Haus als Stützpunkt nutzten), israelische Panzer, die nicht durch die engen Strassen des Lagers kamen, ohne die Hauswände miteinzureissen und zahlreiche Inhaftierungen von vor allem männlichen Familienmitgliedern zogen eine Spur der Verwüstung durch das Camp.

Auch heute ist die Lage im Flüchtlingslager angespannt. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen (knapp 40 Prozent aller BewohnerInnen im Aida Camp sind unter 15 Jahren) und dem israelischen Militär. Vor allem dann, wenn es zu Ausschreitungen des israelischen Militärs in anderen Gebieten des Westjordanlands und/oder zu Angriffen auf Ghaza kommt, gehen die Wogen im Flüchtlingslager hoch. Es fällt schwer, die sich abspielenden Szenen adäquat beschreiben zu können – die Unverhältnismäßigkeit, mit der das israelische Militär agiert, lässt einen sprachlos zurück. Kinder und Jugendliche laufen in Richtung Mauer, werfen Steine und in manchen Fällen auch Molotovcocktails. Sie schwärzen damit eine acht Meter hohe Betonmauer mit Russ und werfen Stein auf Beton.

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Initiationsritus mit lebensbedrohlichen Konsequenzen

Steine zu werfen und sich damit (wenn auch eher symbolisch) gegen die israelische Besatzung zu wenden bedeutet für viele junge PalästinenserInnen eine Art Initiationsritus. Steinewerfen als Initiationsritus im Flüchtlingslager hat jedoch im gravierendsten Fall lebensbedrohliche Konsequenzen für den Ausübenden. Steinewerfen als ein Zeichen gegen die israelische Besatzung hat marginale Auswirkungen auf bestens geschützte SoldatInnen. Und doch: Das israelische Militär invadiert, schiesst Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse ab, in seltenen Fällen auch scharfe Munition. Sie „säubern“ die Straßen und verhaften Jugendliche und Erwachsene, oft auch mitten in der Nacht.

Es gibt Wochen, wo kaum ein Tag vergeht, an dem es im Aida Camp nicht zu Ausschreitungen kommt. An manchen Tagen trägt der Wind das Tränengas kilometerweit, ebenso wie die Abschussgeräusche weithin zu hören sind. Jeden Tag fahren unzählige Touristenbusse auf dem Weg zur Geburtskirche am Rand des Lagers vorbei, befüllt mit ausländischen PilgerInnen, die sich ironischerweise im „Heiligen Land“ wähnen, die vorherrschende Lebensrealität jedoch ignorieren. Die hiesigen Medien berichten, wenn überhaupt, nur dann noch von der Situation im Lager, wenn es Tote oder Schwerveletzte zu beklagen gibt – von der Berichterstattung ausländischer Medien ganz zu schweigen.

Vor vier Wochen begrub man im Aida Camp eine 45-jährige Frau, die aufgrund ihres Asthmas am Tränengas, das in ihre Wohnung eingedrungen war, erstickte. Sie wurde neben einem Jungen begraben, der im Januar 2013 im Alter von 15 Jahren von israelischen Soldaten mit einem Kopfschuss getötet worden war, nachdem er einen Stein geworfen hatte. Die BewohnerInnen des Lagers haben in den meisten Fällen nur ungenügend die Möglichkeit, sich vor den Angriffen der israelischen Armee zu schützen – es gibt keine Bunker oder Schutzräume, die Häuser sind desolat und oftmals offen gebaut. Die Ambulanz kommt erst dann ins Flüchtlingslager, um Verletzte abzutransportieren, wenn die Lage sich beruhigt hat – oftmals zu spät.

Heute, am 15. Mai, wird der Nakba gedacht. Für die palästinensischen Flüchtlinge gilt auch 66 Jahre später noch immer: Sie konnten und können weder vor, und schon gar nicht mehr zurück.

Die Autorin

Die Autorin Martha Tonsern arbeitet im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im Advocacy Bereich fuer eine palästinensische Bewegung im Westjordanland. Sie wohnt 500m vom Aida Flüchtlingslager entfernt – an manchen Tagen trägt der Wind das Tränengas bis in ihr Wohnzimmer.

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