Deine Blumen gießen sich von alleine

Zunächst fühlt sich Gabi verfolgt. Dann lauscht sie an elektrischen Geräten. Zum Schluss ist sie sich sicher: Gott redet mit ihr. Der Eröffnungsfilm „Superwelt“ der diesjährigen Diagonale ist seltsam bewegend.

Gabi (Ulrike Beimpold) und Hannes (Rainer Wöss) könnten Figuren aus dem Deixschen Universum sein. Sie arbeitet im Supermarkt, er als Gemeindearbeiter (gemeinsam mit dem Kollegen Geronimo – überraschend und hinreißend gespielt von Harri Stojka). Kurz vor der Pension stehend, unscheinbares Haus, Garten, dummer Nachbar. Schicki-Micki-Tochter, zockender Sohn, hässliche Küche, die Telenovela am Abend. Während Deix diese österreichischen Figuren aber hernehmen würde, um mit ihnen Spott, Hohn und bissige Boshaftigkeit zu zeigen, nähert sich Regisseur Karl Markovic der Materie anders. Behutsam führt er Zuseher in die Welt von Gabi ein, in den stupiden täglichen Ablauf von Arbeit im Supermarkt, Haushalt zu Hause und „Frauenturnen“ in der Turnhalle.

Schon zu Beginn sieht man im Film erstaunlich oft Szenen aus der Vogelperspektive – aus einer göttlichen Perspektive, von oben herab. Bis schließlich die Geräusche für Gabi zunehmen, sie immer öfters an Kühlschrank, Fernseher oder Eieruhr hängt, abwesend dahinstarrt. Der Herrgott macht sich in ihrem Kopf breit. Spricht mit ihr, teilt sich ihr mit. Sie geht spazieren, entfremdet sich zunehmend ihrem Mann, ihrer Familie, bleibt dem ganzen schnöden Alltag stundenlang fern. Steht dahinstarrend mitten in der Natur und blickt auf Teich, Gras und Blumen. „Ich muss jetzt nach Hause.“ Stille. „Den Haushalt erledigen.“ Stille. „Du hast leicht lachen. Deine Blumen gießen sich von alleine.“

Der Herrgott lässt sie teilhaben, an der täglichen Flut von Bitten, Gebeten, Flüchen. Und Gabi geht spazieren, wandelt auf Erden umher. Die für mich wohl beste Szene des ganzen Filmes: Als sie beim Schotterwerk auftaucht, als die Kumpels Mittagspause haben. Verschwitzte, bärtige Männer, Aufstrichwurst, Brot und Pepperoni aus dem Glas. „Kann ich einen Kaffee haben?“ Gabi setzt sich. Die Männer starren. Brot wird gereicht, Brot wird gebrochen. „Sicher“, meint einer der Arbeiter, und reicht ihr einen Becher. Zufällig sind es zwölf am Tisch.

Beimpold überzeugt in ihrer Rolle. Sie beweist ihr Talent, wenn sie geifernd die Stimme des Allmächtigen wieder gibt, wenn sie dumpf und abwesend in die Leere starrt, wenn sie „spazieren geht“. Nicht minder grandios ist aber die Leistung von Rainer Wöss – den die seltsamen neuen Gepflogenheiten seiner Frau ziemlich aus der Bahn werfen. Ein gelungener Auftakt für die Diagonale 2015: ein seltsam bewegender Film einer scheinbaren Superwelt.

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