Erzähl mir (d)eine Geschichte – Drei.

Mit einem besonderen Projekt nahm ich am Lendwirbel teil. Ich hörte mir an einem sonnigen Vormittag am Mariahilferplatz Geschichten an, um frei nach Liao Yiwu den Klang des Lebens zu packen und ihn zum Vorschein zu bringen. Von einem Bild an der Wand, einem Baby und einem Tattoo.

 

Das Bild an der Wand

Die Dame geht vorbei, ihr Blick bleibt an meinem Plakat am Boden hängen. Sie kehrt um, fragt ob sie sich setzen darf. Während sie ihre Tasche abstellt und ihre Jacke auszieht, beginnt sie auch schon zu erzählen. „Ich will nicht mit den Katastrophen in meinem Leben beginnen, aber die gibt es eben. Wissen Sie, ich habe daheim ein Foto hängen. Ein Foto von Venedig. Meine drei Kinder, ich und mein Mann. Meine Älteste gerade mal vier Jahre alt. Die Füße sind abgeschnitten. Mein Mann nahm sich kurz danach das Leben.“ Ihre Stimme klingt belegt. „Nun haben alle Kinder studiert, und ich bin darüber hinweg. Seit 32 Jahren hängt dieses Foto ab und zu an der Wand. Denn nach einer bestimmten Zeit hänge ich es ab und ein anderes Bild hinauf.“ Sie nickt. „Seit mein Mann tot ist mache ich nicht mehr viele Reisen. Meine Schwester starb dann 1975 an Leukämie. Es gibt in jeder Familie Tragödien, so auch in meiner. Alles was wird, was entsteht, ist eben auch vergänglich.“ Ihre Geschichte ist zu Ende, dennoch plaudern wir noch ein wenig. Es scheint ihr gut zu tun, am Ende lacht sie.

Ein Baby

infografik-lendwirbel-art-kunst-interview-graz-maxtonsern-tonsern-literatur-feuilletonsern„Ich wurde in den letzten Kriegstagen 1945 geboren“, erzählt der Mann, der mir gegenüber Platz nimmt, hörbar auf hochdeutsch, „in der Steiermark, in Bruck an der Mur. Kennen Sie das?“ Ich nicke. „Ich war also als Baby in Bruck. Fuhr dann 1946 mit einem Güterzug nach Essen. Kindheit, Schule, Studium, alles dort verbracht und später dann auch in München. Vor 15 Jahren“, er zupft an seiner Kappe, „fragt mich meine Tochter: Papa, ist es in Ordnung wenn ich in München einen Job annehme? Klar sage ich, mach das doch. Vor zwei Jahren wird dann mein Enkelsohn geboren. Als ich ihn in Händen halte, dieses kleine Ding, denke ich mir: Ich muss die Stätten meiner Kindheit wieder aufsuchen. Und genau das mache ich jetzt. Komme gerade von Bruck. Und fahre gleich weiter.“ Er gibt mir seine Visitenkarte, verweist auf seinen Youtube-Channel und meint, ich solle mich melden. Ich verspreche es ihm.

Das Tattoo

1Ein Vater mit Kind im Arm schlendert von einer benachbarten Lendwirbel-Aktion zu mir, liest mein Plakat. „Ich habe mehrere Geschichten für dich, aber erst später. Und nur, wenn du mir dann auch eine erzählst.“ Nach einiger Zeit kommt er her, setzt sich. „Ich habe doch nur eine Geschichte für dich, aber die ist die beste. Siehst du dieses Tattoo?“ Er krempelt den linken Ärmel seines T-Shirts hoch, ich erkenne eine Tätowierung, sieht aus wie Schriftzeichen. „Vor 20 Jahren war ich in China, bin viel umher gereist. So unternahm ich auch eine Flußfahrt auf dem Jangtsekiang. Jedenfalls vergesse ich bei einem Landgang meine Tasche mit meinen Dokumenten – und werde prompt verhaftet. Man hat mich mit einem gesuchten Betrüger verwechselt, und ich kam ins Gefängnis, wo man mir sofort eine Häftlingsnummer gab.“ Er deutet nochmals auf seine Tätowierung. „Das war eine erfundene Geschichte. Das Tattoo habe ich selber gemacht“, fügt er schmunzelnd hinzu. Trotzdem erzähle ich ihm anschließend eine wahre Geschichte. Er lächelt, denn es ist eine der schönen Art.

Zum ersten Teil des Projektes: Teil Eins

Zum zweiten Teil des Projektes: Teil Zwei

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