Höflich sein

In den unscheinbarsten Momenten kommen mir uralte Erinnerungen. So wie heute, während ich Suppe schlürfte. Im Gymnasium früher habe ich einen Schulkollegen gehabt. Der war einer der Schlimmeren. Und hat sich auch oft geprügelt, aber nie mit mir. Wir haben uns verstanden. Einmal hat er mich zu ihm eingeladen. Jetzt habe ich zuerst daheim gegessen, was es gab weiß ich nicht mehr. Aber meine Mama meinte, ich sollte daheim essen, damit ich nicht bei ihm essen muss, damit ich den Gastgebern nicht zur Last falle. Weil das so höflich ist. Dann fuhr ich mit dem Bus nach Graz und habe mich mit ihm getroffen am Jakominiplatz. Ich hatte für ihn Zuckerl mit und Konfekt für seine Mama. Sein Vati arbeitete nämlich und war nicht bei ihm daheim. Wir sind dann mit dem Bus zu ihm gefahren, ich kann mich aber nicht mehr erinnern wo er genau gewohnt hat, ich glaube aber irgendwo in Puntigam.

Dort wo wir ausgestiegen sind war es sehr heruntergekommen, Müll und Glas und zerbrochene Bierflaschen in den kargen Grasstreifen. Er hat dann auch Spritzen gefunden und mir gezeigt und gemeint hier sind halt auch Giftler. Ich habe eine angegriffen und dachte noch lange Zeit danach ich hätte Aids weil ich meinte ich hätte mich mit der Spritze gestochen. Jedenfalls kamen wir dann zu ihm und ich war ja noch sehr satt von mir daheim. Seine Mama hatte sich sehr hergerichtet, jedenfalls kam es mir so vor. Vielleicht sah sie auch immer so aus. Sie hatte ein echt tiefes Dekolleté, das fiel mir damals schon auf und war geschminkt und hatte ein braunes Kleid an. Und sie hat gekocht. Ich war zu höflich, gab das Konfekt her und setzte mich zu Tisch. Sie hatte Lasagne zubereitet. Mir ist dann schnell sehr übel geworden vom Geruch und vom Gedanken, noch mehr zu Essen, aber ich konnte nicht Nein sagen, das wäre unhöflich gewesen. Dann hat sie mir Lasagne auf meinen Teller gegeben und meinem Freund auch. Er war sehr unhöflich zu ihr und hat nicht schön mit ihr geredet, ohne Respekt. Und ich habe zuerst einen Bissen genommen und dann noch einen zweiten.

Dann wurde mir siedend heiß weil ich wusste wenn ich noch mehr esse muss ich mich übergeben. Weil mein Bauch war ja schon so voll vom Essen von der Mama. Also habe ich zu ihr gesagt dass es mir leid tut aber ich daheim schon gegessen habe und ich keinen Appetit mehr verspüre. Weil Appetit war ein schönes höfliches Wort. Und mein Freund ergriff die Chance und hat gleich gesagt er mag auch nicht mehr es schmeckt sowieso scheiße. Und wir standen auf weil er rauf in sein Zimmer wollte. Und dann kommt die Szene an die ich mich noch heute so erinnern kann. Wie seine Mama da sitzt, die Schultern gesunken, das Kleid schlaff an ihr herunterhängend, ihr Busen fast am Tisch. Und ihr Blick. Eine Momentaufnahme vieler Gefühle. Sie hat nämlich unglaublich traurig drein geschaut. Nicht nur traurig. Auch niedergeschlagen. Aufgebend. Vor ihr eine Glasschüssel voller Lasagne, drei Teller, einer von mir wo zwei Bissen fehlten, einer von meinem Freund wo alles zermatscht war, und ihr leerer Teller, weil sie sich gerade etwas hinaufgeben wollte als ich beschloss dass ich nichts mehr essen könnte sonst würde ich mich ja übergeben. Ich hatte so Mitleid mit ihr. Nur kurz. Weil dann gingen wir ins Zimmer von meinem Freund Computer spielen. Aber heute, da denke ich an sie. Wie sie so da saß. Und traurig war.

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