Von vermeintlichen „Experten“ und „geborenen“ Journalisten

Journalismus- und Publizistikstudenten sind für den Arbeitsmarkt unbrauchbar – das wollen uns zumindest Medienexperten erklären. Nur Fachleute haben ihrer Meinung nach Chancen in der Branche. Blöd, dass sie meist selbst keine sind. Ein Plädoyer für eine Studienrichtung, die um ihre Daseinsberechtigung kämpft.

„Publizistik- und Journalismus-Studenten stellen wir nicht ein“, hört man von Vertretern aus der Medienbranche, wie etwa Veit Dengler oder Michael Fleischhacker. Aber auch der für das große Weltgeschehen unbedeutendste Journalist, der für eine mickrige Lokalzeitung über Almabtriebe und das Feiern diverser Kirchenbräuche berichtet, sagt: „Journalist ist man, oder man ist es nicht.“ Man bekommt den Eindruck dass jeder, der Journalismus oder Publizistik studiert, dumm und ein für den Arbeitsmarkt uninteressantes Individuum sei. Die „geborenen“ Journalisten und schreib-affinen „Experten“ sind ja alle schon da draußen.

Mit 19 stürzte ich mich in mein erstes Praktikum bei einem kleinen Innsbrucker Radiosender. Einer der dortigen Moderatoren hatte tatsächlich einen Studienabschluss – er war gelernter Jurist und plauderte im Radio über die „dümmsten“ Anmachsprüche und aktuelle Bikinitrends. Aber gut, dass er Jus studiert hat. Den damals aufstrebenden Jungredakteur würde ich auch nicht als „Spezialisten“ für irgendetwas bezeichnen – er war gelernter Einzelhandelskaufmann und absolvierte seine Lehre bei der Lebensmittelkette Spar. Heute ist er Programmchef des Senders.

Ein Beginn im „heiligsten“ Ressort

Ich startete ein Wirtschaftsstudium und bewarb mich für ein Praktikum bei der Tiroler Tageszeitung. Dort war man offensichtlich begeistert von meiner Studienwahl und steckte mich sofort in die Wirtschaftsredaktion – diese gilt bekanntlich bei vielen Zeitungen als das „heiligste“ und „sensibelste“ Ressort, wo am meisten Fachwissen nötig ist. Ich war im ersten Semester.

Im Wirtschaftsressort der TT hatte, außer mir, niemand einen wirtschafswissenschaftlichen Hintergrund. Die Redakteure, der Großteil von ihnen Absolventen der Politikwissenschaften, waren trotzdem wirtschaftlich unglaublich auf zack. Dass in den Redaktionen überall Spezialisten vom Fach sitzen erwies sich aber erneut als Mythos. Wahrscheinlich erzählen den jene Journalisten, die sich einfach selbst zu „Spezialisten“ erklären.

Was „Spezialisten“ uns JPR-Studenten weismachen wollen

Nach zwei Jahren bei der TT beschloss ich, entgegen aller Ratschläge, Journalismus zu studieren. Denn ganz ohne Hintergrundwissen in dieser Branche ist es meiner Meinung nach schwer, guten Journalismus zu machen. Medienarbeit ist ein äußerst sensibler Bereich, den viele gerne unterschätzen. Wer für zigtausende Leser schreibt oder zu zigtausenden Hörern spricht, dem sollte bewusst sein, welche Verantwortung damit einhergeht, aber auch, wie man eine Story aufbaut und wie man Inhalte abwägen sollte. All das hab ich während meiner Praxiszeit vermisst und erst im Rahmen meines aktuellen Studiums professionell erlernt.

Wer nicht Wirtschaftsredakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung oder Börsenanalyst bei der Financial Times werden möchte, wird auch mit einem Publizistik- oder Journalismus-Studium wertvolle und gute Arbeit leisten können. Nicht ohne Grund arbeiten viele Absolventen der FH Joanneum mittlerweile für Medien wie den ORF, den Falter, die Kleine Zeitung und Co. Nur das ständige Schlechtmachen eines wichtigen Studiums geht mir mittlerweile gewaltig gegen den Strich. Denn in der Praxis sieht es – wie immer – anders aus, als manch ein „Spezialist“ uns Studierenden weismachen möchte.

Julia Hosch kommt aus Innsbruck / twittert, wenn sie sich ärgert, als @mischuli / studiert Journalismus & PR an der FH Joanneum in Graz / liebt alles analoge und „greifbare“ / reflektiert sich ungern selbst, darum muss das für den ersten Eindruck reichen

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