Am Ende ist es ganz einfach

Bald ist der 8. August. Dann ist es genau ein Monat, seit dem in Gaza die Hölle herrscht. Bislang habe ich mich darauf beschränkt, auf Facebook zu informieren, so gut es eben ging. Ich weigerte mich in den letzten Wochen, Bilder von toten Kindern zu teilen, von überquellenden Leichensälen und von unsäglich zugerichteten Körpern. Trotzdem, heute, an dem Tag an meine ehemalige Kollegin und Freundin Zeugin des Attentats eines Baggerfahrers in Jerusalem wurde, ist es vielleicht an der Zeit, ein paar Worte zu schreiben.

Jerusalem

Seit drei  Wochen erreichen mich erschreckende Nachrichten aus Jerusalem. Radikale Siedler ziehen ungebremst in Lynchmobs durch die Stadt und fragen jeden, dem sie habhaft werden, nach der Uhrzeit, nach dem Weg, nach irgendetwas, woran sie den Akzent des anderen feststellen können. Ist er Arabisch, muss er um sein Leben, aber zumindest um seine Gesundheit fürchten. Ein jüdischer Freund von mir, ein bekannter Menschenrechtsanwalt, schrieb mir gestern: „Gottseidank hast du dieses Land, diese Stadt verlassen. Ich fürchte um die Sicherheit meiner Freunde, manchmal traue ich mich selbst kaum aus dem Haus.“ Ein befreundeter Priester schrieb: „Ich habe meine Besuche in der Grabeskirche bis auf weiteres eingestellt. Ich habe es in der letzten Woche nicht ein einziges Mal dahin geschafft, ohne von einem Siedler angespuckt zu werden.“ Nichts davon war in den letzten Wochen in den mainstream Medien zu finden, die beide Anschläge in Jerusalem heute haben es jedoch sofort auf Spiegel online geschafft.

Meine Freundin, die Augenzeugin war, schreibt: „ Heute war ich Zeugin der Bagger-Attacke in Jerusalem. Ich habe meine Tochter vom Kindergarten abgeholt, als ich einen religiösen Juden Steine auf den Bagger werfen sah und der Bagger machte komische Bewegungen. Dann warfen mehr Leute Steine auf ihn und ein Bus kam und versuchte ihn wegzuschieben. Darauf drehte der Bagger durch, attackierte den Bus mit der Baggerschaufel, bis er ihn umwarf. Leute von hinter meinem Auto und überall her kamen mit ihren Waffen und fingen an, auf den Bagger zu schießen. In dem Moment bewegte sich das Auto vor mir, und ich fuhr mit meiner Tochter um mein Leben. Ich kann nicht glauben, wie einfach es für die Leute um mich herum war, ihre Waffen zu ziehen als wären sie glücklich über die Gelegenheit, auf jemanden zu schießen!!!“ Zur Erinnerung, wir sprechen hier von Jerusalem, der Vorfall ereignete sich in direkter Nähe zur Altstadt und neben drei riesigen Hotels.

Westbank

Seit weit mehr als vier Wochen brennt die Westbank. Während des Ramadans jede Nacht, seit Ende des Ramadans auch tagsüber kommt es zu massiven Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Armee. In Bethlehem wurde das Bethlehem-Büro von St. Yves vorübergehend geschlossen, Tränengas und skunk-water (das nach allem stinkt, was man sich an übel vorstellen kann) machten das Arbeiten quasi unmöglich. Meine Kollegen schlafen keine Nacht – sound granades machen Schlaf unmöglich.

Bei Hebron wurde letzte Woche der Hebron-Chef von ‘Defense the Children International‘ auf einer friedlichen Demonstration erschossen. Die Armee hatte mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen. In den Medien findet man zu den Ereignissen in der Westbank wenig, doch bereits seit der Entführung der drei Siedler bei Hebron führt die israelische Armee umfangreiche Operationen in der Westbank durch – vor allem gegen Hamas-Anhänger, aber auch gegen alle anderen, die ihnen unlieb sind. Dabei beschränken sie sich nicht auf das israelisch kontrollierte Gebiet, die PA ist stumm, während israelische Panzer in Ramallah stehen.

Dass mittlerweile bewiesen ist, dass die Entführung und Ermordung der Jugendlichen nicht die Tat der Hamas war interessiert niemanden mehr. Auch dass die Armee bereits von Anfang an wusste, dass die Jugendlichen tot waren und trotzdem eine angebliche, großangelegte „Befreiungsaktion“ startete, ist kein Thema mehr – offensichtlich heiligt der Zweck alle Mittel, auch wenn sie gegen die Grundfesten einer Demokratie und der Menschenrechte verstoßen.

Und nun doch, Gaza:

An einem der ersten Tage der Intervention in Gaza starben am gleichen Tag 700 Menschen in Syrien, niemanden hat es interessiert. Sollte man deshalb still sein? Ich kann nichts dafür, dass ich diesen Konflikt sehr viel besser kenne, dass ich Menschen kenne, die in den letzten Wochen Angehörige verloren habe, Freunde, und im besten Fall nur ihre Häuser. Wegen Gaza erreichen mich Nachrichten von Menschen in Jerusalem, wissend, dass ich für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet habe, die fragen „Wo ist unser Menschenrecht jetzt??“ Was soll ich auch antworten? Mit am schlimmsten war die Email einer jüdischen Freundin, die in einem der Kibbuze direkt neben Gaza wohnt, kurz vor meiner Ausreise habe ich sie noch besucht. Sie hat einen kleinen Sohn und ist wieder schwanger: „Anica, wir verbringen jede Nacht im Bunker, Granaten landen in meinem Garten, Tunnel bringen „Terroristen“ vor meine Haustüre. Und trotzdem höre ich nicht auf, meinen Leuten zu versuchen, klarzumachen, dass dieser Krieg nichts davon beenden wird, sowenig wie der letzte und der vorletzte. Hätte ich meinen Mann und meine Schwester nicht, ich würde durchdrehen. Hier sind alle wahnsinnig geworden, neben unserem Kibbuz sitzen Tag und Nacht Schaulustige auf einem Hügel  und jubeln bei jeder Bombe auf Gaza. Wie soll irgendjemand jemals so etwas vergeben? Wie soll irgendjemand die Bilder all dieser toten Kinder und Frauen in Gaza vergessen? Dies ist mein Land, aber am liebsten würde ich morgen gehen.“

Dies muss kein Propaganda-Krieg sein. Kein Krieg auf dem man Seiten beziehen muss. Es ist ganz einfach: beide Seiten müssen gezwungen werden, internationales Recht einzuhalten. Was Israel in Gaza zu erreichen versucht, versteht doch längst kein Mensch mehr. Was die Hamas mit ihren Raketen bezwecken will, ist mir ebenso ein Rätsel. Beides muss aufhören. Es wäre schön, wenn die deutsche Bundesregierung endlich aus ihrem feigen Tiefschlaf erwachen würde, und darauf drängt. Am Ende ist es nämlich ganz einfach: Internationales Recht und Menschenrechte müssen eingehalten werden, von beiden Seiten, bedingungslos.

Gastautorin Anica Heinlein war von 2010 bis Mai 2014 Beraterin für Advocacy- und Lobbyarbeit bei der Society of St. Yves, der katholischen Menschenrechtsorganisation im Heiligen Land. Als Fachkraft des deutschen Zivilen Friedensdienstes baute sie die Öffentlichkeitsabteilung der Organisation auf. Sie lebt heute in Berlin.

Comments
2 Responses to “Am Ende ist es ganz einfach”
  1. knaussi sagt:

    wirklich toller gastbeitrag, der einblick in die realität gibt. gefällt mir wirklich sehr gut.

  2. Abuna Rainer sagt:

    Vielen Dank für Deinen sehr guten und persönlichen Bericht. Was wäre das für ein Gewinn, wenn in unseren Nxchrichten endlich mal die Wahrheit gesagt und geschrieben würde. Deswegen gibt es nur eines:WEITERMACHEN !!!!

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