Graz – Stadt des temporären Erinnerns

Ende Juli 2014 wurden in Graz elf NS-Mahntafeln abgebaut. Die Tafeln wurden als künstlerische Arbeit mit dem Namen „63 Jahre danach“ vom Künstler Jochen Gerz konzipiert und 2010 errichtet. In Kooperation mit der „Kleinen Zeitung“ wurde über Bilder aus der NS-Vergangenheit zum Thema „Machtmissbrauch“ abgestimmt und an elf Plätzen und Straßen ortsspezifische Tafeln aufgestellt, die Nazigräuel, Opfer und denkwürdige Ereignisse der NS-Zeit in der Steiermark zeigten.

Die Historikerin Elisabeth Fiedler (Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark) wehrte sich bis zuletzt vehement gegen den Abbau der Tafeln. Ich sprach mit ihr über den Abbau der künstlerischen Arbeit „63 Jahre danach“ von Jochen Gerz, fehlende Logik bei der FPÖ und einer Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, auf die man in Graz – wie es scheint – lieber oft vergessen möchte.

Feuilletonsern: Das Grazer Straßenamt ließ gesetzeskonform nach sechs Jahren eine „temporär konzipierte Installation“ auslaufen. Stimmt das?

Elisabeth Fiedler: Ich wusste von einer temporären Aufstellung ursprünglich nichts, ich dachte, sie sei permanent. 2011 bekam ich das Institut übertragen und habe erst im März 2012, als ich den Bescheid vom Straßenamt der Stadt Graz bekommen habe, realisiert, dass die künstlerische Arbeit nur temporär bewilligt war. Grundsätzlich vergibt die Stadt Graz nur maximale Aufstellungsbewilligungen von zwei Jahren – das heißt, es kann generell nicht um eine permanente Aufstellung angesucht werden.

Hätte es denn die Möglichkeit einer Verlängerung gegeben?

Konzipiert ist die künstlerische Arbeit von Jochen Gerz als permanent aufgestellte Arbeit. Mein Bestreben war es, wenigstens noch eine Erweiterung zu erreichen, ein Minimum von zehn Jahren. Die Tafeln wurden ja erst 2010 installiert und aufgestellt. Die letzte Bewilligung für eine Verlängerung bekam ich bis Juni 2014.

Wäre es möglich gewesen, aus dieser temporären eine permanente Arbeit zu machen?

Nein, eben nicht. Das ist ja auch immer das Argument vom Straßenamt – hier meint man, dass es nicht mehr permanent werden kann, weil ja nur um eine temporäre Verlängerung angesucht wurde. Man entkommt also diesem Kreislauf nicht.

© Lucas Kundigraber
© Lucas Kundigraber

In den Medien las man meistens davon, dass hauptsächlich die FPÖ die treibende Kraft hinter dem Abbau der Mahntafeln ist. Ist das korrekt?

Beschlossen wurde der Abbau mit Stimmen der FPÖ und der ÖVP. Es ist ja nie so, dass nur einer alleine verantwortlich ist. Das Wesentliche dieser Arbeit ist ja das Rückdenken an die Zeit damals, eine Sensibilisierung auf die Gegenwart und natürlich ein Ausblick auf die Zukunft. Ich habe alles ausgeschöpft, was im Rahmen der Gesetzmäßigkeit möglich war, damit die Tafeln bleiben. Ich habe alle zuständigen Politiker und Politikerinnen davon informiert, Stellungnahmen abgegeben. Aber da sind keine großen Kommentare darauf gekommen. Wirklich im Höchstmaß dafür öffentlich eingesetzt hat sich als zuständige Kulturstadträtin Lisa Rücker von den Grünen (Anmerkung des Autors: auch die KPÖ trat vehement für eine Verlängerung der Tafeln ein).

Bereits zu Beginn des Umbaus des Hauptbahnhofes in Graz Anfang 2010 wurde eine der Tafeln entfernt. Jene taucht jedoch nicht mehr in der Konzeption der Neugestaltung des Bahnhofs auf.

Genau. In einer Stellungnahme habe ich um Unterstützung für die Wiedererrichtung dieser Tafel ersucht. Wir haben zuerst eine Zeit lang gewartet, weil der Hauptbahnhof noch im Umbau war.

Und dann hat man Ihnen mitgeteilt, dass die Tafel einfach so nicht mehr in der Planung vorgesehen war?

Da habe ich nie ein direktes „Nein“ vernommen. Die Tafel ist einfach nicht mehr aufgestellt worden. Aber jetzt ist es sowieso hinfällig. Leider.

Hat man da vielleicht schon mit einer Entfernung der Tafeln in Graz gerechnet?

Das will ich niemanden unterstellen, das glaube ich auch nicht. Es ist wahrscheinlich so, dass die Tafel nicht mehr in die Konzeption des Hauptbahnhofes „gepasst“ hat.

© Lucas Kundigraber
© Lucas Kundigraber

Sieht man sich den Verlauf dieser Geschichte an, so fällt auf, dass von Mario Eustaccio (FPÖ) zuerst propagiert wurde, die Tafeln würden die „Möblierung des öffentlichen Raums“ beeinträchtigen und müssen deswegen entfernt werden. Erst später berief man sich auf eine gesetzeskonforme Veranlassung. Wie erklären Sie sich diese Vorgehensweise?

Das ist ein großes grundsätzliches Problem, denn da geht es um den öffentlichen Raum an sich: Das Straßenamt sagt, es sei dafür zuständig, dass der Verkehr fließt. Ich hingegen bin dafür zuständig und verantwortlich, dass es Kunst im öffentlichen Raum gibt. Das Problem bei Kunst im öffentlichen Raum liegt aber daran, dass die Kunst im öffentlichen Raum steht. Aber hierbei zu argumentieren oder zu sagen, es sei verkehrsbehindernd gewesen, kann man so nicht stehen lassen. Erstens sind die Tafeln so eingebaut gewesen dass sie, sollte es akut notwendig sein, sie kurzfristig zu entfernen, durchaus schnell entfernbar gewesen wären. Zweitens ist dies eine Form der Nicht-Achtung, was Kunst im öffentlichen Raum betrifft. Es ist das Ausspielen von marktorientierten Intentionen gegen das, was Kunst ist – denn Werbeflächen werden ja sehr schnell vergeben oder zugelassen.

Graz wurde bereits einen Tag vor dem offiziellen sogenannten Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland von begeisterten Nazis übernommen. Nicht nur deswegen bekam die Stadt in der NS-Zeit den Titel „Stadt der Volkserhebung“ verliehen. Sollte es doch eigentlich für jeden Politiker nicht selbstverständlich sein, sämtliche Projekte, die an diese Zeit mahnen und erinnern, zu unterstützen?

Dies sollte man annehmen, ja. Das war die Stadt der „Volkserhebung“, die Stadt Graz schmückt sich heute mit den Titeln „Menschenrechtsstadt“ und „Landeskulturhauptstadt.“ Es wird nur nie dezidiert gesagt, dass es gegen die Arbeit als Arbeit geht. Da wird mit behördlichen Auflageverfahren argumentiert.

© Lucas Kundigraber
© Lucas Kundigraber

Gab es bei anderen Projekten ähnliche Probleme?

Ein Projekt, das ganz schwierig war, war jenes der Künstlerin Catrin Bolt anlässlich der Reichspogromnacht. Es handelte sich um den Zeitzeugenbericht des damaligen Grazer Oberrabbiners David Herzog, der als Lauftext am Boden angebracht werden sollte. Das Projekt umzusetzen, war von Anfang an sehr schwierig. Es waren immer nur behördliche Auflagen, die ins Treffen geführt wurden. Ich habe mich dann dazu entschlossen, die Arbeit ohne dass sie da ist zu eröffnen. Auf die letzte Sekunde hin war es dann doch noch möglich.

In ganz Europa wurden mittlerweile 50.000 Gedenksteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig gepflastert. Seit Jänner 2013 wird das Projekt der „Stolpersteine“ auch in Graz umgesetzt. Gab es auch mit diesem europaweiten Projekt Probleme?

Mit diesem Projekt habe ich nicht unmittelbar zu tun gehabt. Aber wenn Herr Stadtrat Mario Eustacchio von der FPÖ sagt, er habe das „Kunstprojekt Stolpersteine zugelassen“, finde ich die Wortwahl „zugelassen“ äußerst bedenklich.

Die Grazer FPÖ machte den Vorschlag, die Mahntafeln im Skulpturenpark Graz aufzustellen. Das ist bisher ja nicht passiert.

Nein, in den Skulpturenpark kommen sie ganz sicher nicht. Das will ich eigentlich gar nicht kommentieren, da wurde diese Arbeit nicht verstanden. Es hat ja einen genauen Grund, dass jede Tafel auf einem bestimmten Ort steht, weil sie ja auf diesen Ort hin abgestimmt konzipiert wurden. Wo ist da die Logik?

Sind Alternativen für die nun fehlenden Mahntafeln geplant?

Ich kann jetzt nicht über Alternativen nachdenken. Das einzige, was wir tun können ist, dass wir die Tafeln übernehmen und im Universalmuseum Joanneum in Sicherheit verwahren. Eines kann sicher nicht sein: Dass es keine weiteren Arbeiten zu Erinnerung und Bewusstseinsschaffung mehr geben kann. Und weil ich immer als Argument höre, es „reicht schon mal mit dem Erinnern“ – nein, es reicht nicht! Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Zukunft – und der nächsten und übernächsten Generation.

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