Scheue Rehe protestieren gegen den Verkehr

Der Griesplatz soll neu gestaltet werden: Geht es nach Bürgermeister Nagl (ÖVP) und Stadtrat Eustaccio (FPÖ), wird der Griesplatz verstärkt für den Verkehr „belebt“ – soziale Interessen der BürgerInnen bleiben dabei links liegen. Ein Interview mit Thomas Pilz, der sich  für eine sinnvolle Belebung und Neugestaltung des Griesplatzes einsetzt.

Als der Federball im Baum hängen bleibt, lachen viele der Anwesenden, die dem Aufruf zum „Slow Mob“ gefolgt sind. Das bunte Häuflein aus Familien, AktivistInnen und älteren Menschen hat sich an einem sonnigen Samstagvormittag beim sogenannten kleinen Griesplatz im Norden eingefunden, um dagegen zu protestieren, dass die Politik, soziale Interessen der AnrainerInnen und BürgerInnen ignorierend, über eine Neugestaltung des Griesplatzes entscheidet.

Einer dieser AktivistInnen, die Musik lauschend und sonnenbadend am Boden und in Klappsesseln sitzen, ist Thomas Pilz. Als Architekt beschäftigt er sich bereits Berufswegen mit öffentlichen Räumen, am friedlichen Protest beteiligt er sich jedoch aus unmittelbarer Betroffenheit.

Der "kleine Griesplatz" - Ort des Protestes
Der „kleine Griesplatz“ – Ort des Protestes

Wie sieht Ihr Zugang zum Griesplatz aus?

Thomas Pilz: Ich wohne in der Ägydigasse, sozusagen in der zweiten Reihe des Griesplatzes. Wenn ich mich in die Stadt begebe, quere ich den Griesplatz, und tauche als Fußgänger in eine riesige Verkehrsinfrastruktur ein: Ich muss wie ein scheues Reh von Verkehrsinsel zu Verkehrsinsel springen, und habe dabei keinesfalls das Gefühl, dass ich wirklich einen Platz quere. Der Griesplatz könnte aber, aus meiner Architektensicht, durchaus ein Platz sein. Sehe ich mir hier die Gebäudekulisse an, wäre viel Raum da, der aber momentan ausschließlich für den Verkehr reserviert ist.

Es wird allen Anschein nach eine neue Straßenbahnlinie geben. Gibt es dabei ebenfalls Gedanken für eine Neugestaltung des Griesplatzes?

Viele versprechen seit Jahren, dass der Griesplatz erneuert, verbessert, zu einem lebenswerteren Platz gemacht werden soll. Ein Ort der Begegnung, an dem AnrainerInnen und andere BürgerInnen der Stadt gut leben können. Jetzt hat man diese Griesplatzsanierung aufgeschoben, weil die neue Straßenbahnlinie kommen wird. Das bedeutet, dass der Griesplatz einerseits zu einer großen Baustelle wird, und andererseits, dass es eine Neustrukturierung des Verkehrssystems braucht.

Das ursprüngliche Konzept der neuen Straßenbahnführung sah vor, dass es zu deutlichen Restriktionen des Autoverkehrs kommt. Deswegen initiiert man ja solche Projekte, damit Verlagerungseffekte entstehen, eben vom Autoverkehr zum Straßenbahnverkehr. Das ursprüngliche Konzept hätte somit eine massive Verkehrsentlastung für den Griesplatz bedeutet. Dadurch wird Raum geschaffen, der dann neu gestaltet und durch soziale Aktivitäten in Anspruch genommen werden kann.

Und jetzt?

Aus – wie wir glauben – politischer Opportunität kam die Angst auf, dass man es sich mit den Autofahrern verscherzen könnte. Jetzt gibt es neben der ursprünglichen eine weitere Variante, die viele Nachteile für die Straßenbahn und bedeutende Mehrkosten bringt. Aber man würde dem Autoverkehr nicht wehtun. Wird diese Variante tatsächlich umgesetzt, wird es zu keiner Beruhigung des Platzes kommt.

Die Frage, die sich die Stadt Graz hierbei eigentlich stellen sollte, ist: Wollen wir einen wirklich lebenswerten Griesplatz haben, einen Platz für Begegnung, für vielfältigen Austausch zwischen Kulturen, oder ist uns letztendlich der Verkehr wichtiger?

Im Gespräch mit Thomas Pilz
Im Gespräch mit Thomas Pilz

Wie würde man denn bestmöglichst ein Konzept für eine Neugestaltung des Griesplatzes entwerfen?

Man sollte nicht als Planer an die Sache herangehen, wie es so oft passiert. Denn erst machen die Verkehrsplaner das, was sie zu erledigen haben, und den Rest dürfen Architekten behübschen. Ich gehe davon aus, dass soziale Aktivitäten das Wichtigste sind. Man bräuchte also ein soziales Leitbild als Basis einer sinnvollen Gestaltung. Und dieses Leitbild sollte man mit Menschen vor Ort besprechen und diskutieren. Das ist im Falle des Griesplatzes noch nicht der Fall gewesen.

Für einen Entwurf der Neugestaltung, der sich wirklich lohnt, wäre es wichtig, wenn die Politik ein Zeichen gibt; das Zeichen, dass man den BürgerInnen vor Ort vertraut, dass sie dazu in der Lage sind, sinnvoll zu sagen, was sie wollen. Niemand möchte einen schön gestalteten Platz, auf dem kein Leben stattfindet.

Im Gespräch mit einigen Geschäftsinhabern hier am Griesplatz äußerte man die Idee, dass am Griesplatz eine Szenerie ähnlich des Naschmarktes in Wien entstehen könnte. Was halten Sie davon?

Überhaupt keine Frage – wenn das gelingt, wäre es wunderbar. Es ist allerdings schwierig, sich das zu wünschen und dann füllt sich das nicht mit entsprechendem Leben. Sofort würden sich gierige Verkehrsinteressen den Raum zurückerobern. Was es dazu bräuchte, wäre eine Trägerschaft von allen starken Playern hier vor Ort. Es gibt hier unglaubliches Potenzial, das der Vielfalt dienen könnte – aber das muss organisiert werden. Es würde sich viel vor Ort ändern – auch die günstigen Mieten, weswegen viele BetreiberInnen ja auch hier sind.

Es würde also eine Art der Gentrifizierung passieren?

Man wird gewisse Gentrifizeriungs-Effekte nicht vermeiden können. Das wird sich in irgendeiner Weise einstellen. Hier könnte jedoch die Stadt Graz sinnvoll eingreifen und, zum Beispiel mit einer Markthalle, Infrastruktur zur Verfügung stellen. Infrastruktur, die anfangs oder länger günstig an HändlerInnen weitergegeben wird. Macht die Stadt das allerdings halbherzig würde es sicher bald untergehen. Aber ich kann mir das gut vorstellen – wo in Graz wäre das Potenzial für solch einen internationalen Markt besser, als am Griesplatz?

Es ist jedoch wichtig, dass nicht überall das Gleiche passiert. Wenn eine bestimmte Art der Intensivierung des gesellschaftlichen Lebens zum Beispiel am Lendplatz funktioniert, bedeutet das nicht, dass dies am Griesplatz ebenfalls funktioniert. Ich spreche hierbei vom Konzept der Komplementarität: Für den Griesplatz sollte man etwas finden, was es am Lendplatz nicht gibt, was der Kaiser-Franz-Josef-Platz auch nicht bietet, wenn es beispielsweise um Märkte geht. Man muss etwas Neues finden, um keinen Verdrängungseffekt zu haben.

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Hoffentlich bald nicht mehr scheu – weg mit dem Verkehr!

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