Hermann bald kaputt

Gemeinsam mit einem Kollegen drehte ich im Rahmen der zweiten Bachelorarbeit eine Kurz-Dokumentation über einen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, den Kriegsinvaliden und Drechsler Hermann Kraxner. Doch worum geht es im Film, den wir momentan fleißig bei Festivals einreichen, überhaupt?

„(…) und mit jedem weiteren Wort zeigt sich nur (…), wie die Reste des Krieges immer noch in der Kriegsgeneration stecken, wie diese Geschichte in ihnen zuckt, kaum kontrollierbar hin und her zuckt zwischen dem, was sie damals glaubten, erlebten oder glauben erlebt zu haben und dem, was sie heute, im Frieden gealtert, glauben sagen zu müssen oder sagen, was wir ihnen glauben sollen.“ – Robert Menasse, 1998

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, den damit verbundenen Kriegsverbrechen und an den Holocaust wird durch unterschiedliche Tätigkeiten aufrechterhalten: durch Bildungsunterricht an Schulen und Universitäten, durch staatlich oder privat initiierte  Gedenkveranstaltungen und –initiativen sowie durch Mahnmale, Gedenkorte und Gedenktafeln. Eine, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle in der unerlässlichen Haltung „wider dem Vergessen“ nehmen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ein. Die sogenannte Kriegsgeneration, heute meist über 90 Jahre alt, erlebte den Aufstieg und Fall des „tausendjährigen Reiches“ unmittelbar mit. Ihre Erzählungen sind ein wichtiges Gut, um Abläufe und Prozesse der damaligen Zeit verstehen und nachvollziehen zu können. Da es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, erscheint das Bemühen um eine Aufnahme und Wiedergabe ihrer (Lebens)Geschichten als äußerst notwendig. Die so von meinem Kollegen Andreas Eymannsberger und mir gedrehte Dokumentation über Hermann Kraxner entspringt unserem gemeinsamen Interesse, etwas wider dem Vergessen und für eine fortwährende Erinnerung zu leisten. Der Grundbaustein dieser Motivation wurde wohl bereits in unserer gemeinsamen Vergangenheit als Zivildiener der Republik Österreich bei Gedenkstätten im Ausland gelegt.

Der Film „Hermann bald kaputt“ legt den Fokus nicht auf operative Abläufe des Weltkrieges, sondern auf Alltagsempfindungen eines Menschen im Krieg, auf seine Lebensverhältnisse, Pflichten und Abhängigkeiten. Hermann Kraxner, ein verhältnismäßig kleines Rad im Räderwerk des Weltkriegs, erlebte das Geschehen aus einer ganz speziellen Perspektive. Er war großteils gezwungen, einer vorgegebenen Dynamik zu folgen, ohne selbst Möglichkeiten wahrzunehmen, in diese maßgeblich einzugreifen. An der Ideologie der Nationalsozialisten mäßig bis gar nicht interessiert – dies zeigt sich zum Beispiel an seiner uninteressierten Einstellung zur Hitlerjugend – zeichnet die Person Kraxner zusammenfassend eine fast schon übersteigerte Form der Akzeptanz dem Leben gegenüber aus.

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Diese Einstellung findet sich auch in allen „Stationen“ seines Lebens wieder: Seine harte Kindheit, seine geringe Schulbildung, die der Arbeit am Hof seiner Großtante geopfert wurde, die Tatsache, dass er in die Wehrmacht eingezogen wurde, seine Erlebnisse im Krieg, der Verlust seines linken Armes und die damit verbundene Invalidität – alle diese Umstände nahm Kraxner als für gegeben hin und fügte sich seinem Schicksal.

Im Film „Hermann bald kaputt“ wird die Person Kraxner umfassend dargestellt und porträtiert: Zuseherinnen und Zuseher erleben Kraxner als einen einarmigen Drechsler, um höchste Qualität und Detailgenauigkeit bemüht, sehen den 90-jährigen Pensionisten als stolzen Besitzer eines Mähroboters und lernen ihn als Menschen kennen, der keine Angst vor dem Tod hat, sondern gelassen und in vielerlei Hinsicht vorbereitet seinem Ableben entgegensieht.

Paralell dazu erfährt die Zuseherin und der Zuseher die Geschichte des ehemaligen Wehrmachtsangehörigen Kraxner, bekommt einen Einblick in seine Gedanken rund um den Zweiten Weltkrieg, in bedrückende Erlebnisse an der Front, in die Geschichte um seine Kriegsverletzung und die darauffolgende Genesung sowie die Rückkehr nach Österreich.

© Andreas Eymannsberger
© Andreas Eymannsberger

Im Film wird Kraxner weder verurteilt noch in irgendeiner Weise für sein Verhalten angeprangert, es wird auch nicht versucht, Kraxner ein „Schuldgeständnis“ hervorzulocken respektive ihn zu einer Erkenntnis über seine Vergangenheit als Soldat in der Wehrmacht zu bewegen. Vielmehr lässt der Film wie geplant einen Zeitzeugen von seinen Wahrnehmungen einer Zeit erzählen und überlässt die Wirkung und die Eindrücke, die dem Gesehenen entnommen werden können, vollständig den Betrachterinnen und Betrachtern.

Wie im eingangs erwähnten Zitat des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse zeigte sich im Verlauf der Dreharbeiten auch bei Kraxner, dass die Reste des Krieges immer noch in ihm stecken. Ich hoffe jedoch, dass es uns mit dem Film „Hermann bald kaputt“ gelang, Kraxners Geschichte zu fassen.

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