Ich studier‘ das Leben

Ich schrieb sie schon mal: Die nächtliche Alltagsbeobachtung in einem Lokal, in dem sich Original auf Original die Klinke in die Hand gibt. Was damals noch im Magendoktor in Berlin, sei heute in der Frühbar Beate: eine legendäre Lokalität in Graz.

Wir betreten die Frühbar Beate und sind zum Ersten Mal die einzigen Gäste im Lokal. Der abgebrochene Riese, ein schmächtiger Mann, der sich sonst immer mit Essen beladen durch die Massen schiebt und ständig Achtung Achtung brüllt verzieht das Gesicht und mustert uns kritisch, grüßt aber freundlich zurück.

Ebenfalls freundlich Willkommen geheißen werden wir vom dicklichen Chef, der uns gleich darauf hin verrät, dass es Beate nicht gut geht. So gar nicht gut. Und während die Jukebox beginnt, den ersten Song preiszugeben, geht die Tür auf und Ferdi kommt herein.

Ferdi ist um die Siebzig, trägt graues Haar und spuckt beim Sprechen. Dass du mich noch kennst, schreit er dem Chef ins Gesicht, nachdem der ihn mit Servus Ferdi begrüßte. Uns stellt er sich auch gleich vor, bestellt eine weiße Mischung und prostet uns zu. Seid ihr Studenten? Was studiert ihr? Ich studier‘ das Leben. Nach jedem Satz nickt Ferdi, prostet uns zu und nimmt einen Schluck. Wieder geht die Tür auf.

Herein kommt ein langhaariger betrunkener Mann, der eine ältere Blondine mit Spliss hinter sich her zieht. Er brüllt uns irgendetwas Unverständliches ins Gesicht, wartet kurz ab ob wir darauf antworten. Wir tun nichts dergleichen -ganz im Gegenteil, stimmen alle in den Song ein-, und so geht er weiter und stellt sich mit seiner Freundin an die Bar, von der aus er uns wütende Blicke zu wirft.

Ferdi hat unterdessen sein Essen bekommen, ein Ki(nder)Wi(ener) sowie obligater Salat mit Ei. Ihr seids Studenten, gell? Was studiert ihr? Ich studier‘ das Leben. wiederholt sich Ferdi spuckend, es regnet Panier. Er gibt eine Runde aus, wir prosten ihm zu, sagen Prost Ferdi, er antwortet, Dass ihr mich noch kennts, Prost, wir wissen, Ferdi wiederholt sich gern.

Da geht wieder die Tür auf, herein kommt ein fettleibiger rotgesichtiger Mann, auf beiden Seiten gestützt von einer Taxi-Fahrerin und einem Passanten. Sie lassen den schwer alkoholisierten Herrn auf eine Bank nieder, die Taxi-Fahrerin schunkelt kurz zum Song und verlässt die Frühbar, quetscht sich durch drei niedergeschlagene Fußballfans durch, deren Lieblingsverein am Abend kläglich verloren hat.

Trotzdem singen die drei ebenfalls sichtlich Alkoholisierten stolz ihre Lieder, wieder wird uns ins Gesicht gebrüllt, wieder antworten wir nicht, während Ferdi uns danach fragt, was wir studieren, Ich studier‘ das Leben.

Dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Die Kanacken zerhacken brüllt der Langhaarige und schubst einen Fußballfan gegen einen Tisch, der Übergewichtige verliert den Halt und fällt hinter der Bar zu Boden, Ferdi hat genug von seinem KiWi und prostet uns zu. Dann spuckt die Jukebox den nächsten Song aus und alle erstarren.

Friede wandert über alle Gesichter, und es stimmen alle mit ein. Wir gehen, es ist schon spät. Ich hätte euch gerne eine Runde geschmissen, beim nächsten Mal, ja? bedauert Ferdi, wir danken ihm dennoch, wohlwissend: Er wiederholt sich gern, der Ferdi.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.