Mensch bleiben

Das Lesefest „FreiSchreiben. Literatur und Widerstand“ bat in den letzten Tagen international bekannte AutorInnen, deren Werk sich durch literarisches Engagement gegen staats- und wirtschaftspolitische Repression auszeichnet, zum Gespräch und Diskurs in Graz. In diesem Beitrag wird Christos Ikonomou vorgestellt.

Fotos: David Baumgartner

Es ist erstaunlich, in wie vielen Formen und in welch literarischer Genauigkeit die Texte der Gastautoren Liao Yiwu, Philo Ikonya, Christos Ikonomou, Rosa Yassin Hassan, und Sascha Reh eine Grundbedingung des Humanen als Horizont und zum Subtext haben: die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen. Preis für Texte der Gäste, die das Unrecht beim Namen nennen, sind oft Repression, Gefängnis und Exil. Alle Autoren haben gemeinsam, dass sie mit ihrer Sprache Empörung, Mitgefühl mit Opfern und Wut ausdrücken – und damit eine besondere Haltung einnehmen.

Im Rahmen des Lesefestes durfte ich gemeinsam mit meinem Kollegen Lucas Kundigraber ein intensives Schreibwerkstatt-Gespräch zum Thema „Literarischer Journalismus“ mit Christos Ikonomou an der FH Joanneum Graz moderieren. Einen Tag zuvor war Ikonomou schon in der Auftaktveranstaltung im Minoritensaal in Graz zu erleben.

Christos Ikonomou mit Übersetzer Sebastian Landschbauer
Christos Ikonomou mit Übersetzer Sebastian Landschbauer

Christos Ikonomou – Warte nur, es passiert schon was

Schwarze, lockige Haare, schwarze Kleidung, das Hemd geöffnet, Brusthaare stehen daraus hervor. An beiden Handgelenken funkeln silberne Armbänder. Die schwarzen Stiefel mit silbernen Schnallen scharren am Boden. Als Christos Ikonomou zunächst aus einer von ihm gehaltenen Rede, dann aus seinem Buch „Warte nur, es passiert schon was“ zu lesen beginnt, wippen seine Füße leicht im Takt seiner gesprochenen Sprache. Die Rede liest er extrem schnell, zum Teil frei. Aus dem Buch liest er akzentuierter, betonter und merkbar langsamer.

Ich möchte feststellen: Alle Charaktere entsprangen meiner Fantasie, sie sind nicht echt. Aber ich glaube, dass Literatur zu einem Teil in Wirklichkeit passieren sollte. Mit meiner Erfahrung, was ich sehe und höre, versuche ich meine Fantasie anzureichern.

Christos Ikonomou, geboren 1970 in Athen, lebt in Piräus. Tätig als Journalist und freier Autor u.a. für die Athener Tageszeitung „Ethnos“ begann er 2005 mit Geschichten über die Nöte der einfachen Leute. Sein Buch „Warte nur, es passiert schon was“ schildert von unmittelbaren Auswirkungen der wirtschaftlichen Depression anhand von Einzelschicksalen, für das Werk wurde ihm der griechische Staatspreis für Literatur verliehen.

Der Autor an der FH Joanneum Graz

Seine Geschichten, so Ikonomou, sind wie Fäuste, die er dem Leser ins Gesicht schmettern will. Mit seiner Literatur will er die Sichtweisen der Menschen ändern – und sei dies auch mit einer Düsternis, einer harten, beklemmenden Atmosphäre, einer drückenden Depression zwischen den Zeilen. Dennoch verweist er auf die Lichtstellen in seinem Roman, die positiven Momente, die umso stärker wirken je düsterner die Geschichte selbst ausfällt – laut der Meinung des Griechen muss in der Literatur viel Dunkelheit vorkommen, damit Lichtblicke besser zur Geltung kommen.

Einer Wandlung unterlagen meine Figuren schon: Am Anfang (Anmerkung: Ikonomou schrieb das Buch 2008/2009) waren sie noch am Rande der Gesellschaft, waren anders als die Anderen. Dies hat sich aber geändert – meine Protagonisten befinden sich nun im Zentrum der Gesellschaft.

Spannende Diskussionen, gut überlegte Fragen – und ein interessanter Gesprächspartner

Momentane Lage in Griechenland

In Griechenland gibt es momentan 1,5 Millionen Arbeitslose, 70% aller Jugendlichen stehen ohne Arbeit da. Wie also ist die Stimmung im Land? Ikonomou selbst teilt die Menschen in Griechenland auf drei Kategorien auf. Die erste, welche der Meinung ist, dass die Griechen selbst an der Krise Schuld haben. Geld wurde von der EU genommen, damit aber nichts getan – die Krise sei also klar ein Verschulden der eigenen Leute. Die zweite Kategorie, welche den Deutschen die Schuld zuschiebt. Und schließlich die dritte Kategorie, zu der Ikonomou sich auch selbst zählt: Jene Menschen, die denken, dass auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden, von Seiten der Politik, von Seiten des Volkes. Aber die Strafe, die Griechenland auferlegt wurde, sei eindeutig zu hoch.

Die momentane Haltung der EU und Deutschlands ist völlig unakzeptabel. Dies wird auf die EU zurückfallen – und schließlich wird so eine Krise Deutschland selbst passieren.

Zitiert

Journalismus bringt für Literatur zweierlei. Einerseits sieht man als Journalist Dinge anders und gelangt leichter zu Informationen. Andererseits die Sprache: Literatur kann durch Genauigkeit und Kürze leben. Dadurch, dass ich Journalist bin, kann ich in meiner Position als Schriftsteller Sachverhalte genauer darstellen. 

Journalismus kratzt aufgrund von Social Media oft nur an der Oberfläche. Literatur hingegen geht eindeutig tiefer.

Mich interessieren Menschen, die keine Macht haben. Einfache Menschen, die es schwer haben, die sind interessant. Sie haben nur eine Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten: Mensch zu bleiben.

Griechenland kann sich nicht allein aus der Krise befreien. Es braucht Hilfe von Außen. Was macht nun also Europa? Es müsste sich wandeln. Nicht nur für Banken und Wirtschaft zuständig sein. Kann die EU also ein Staatenbündnis werden, dass nicht nur auf wirtschaftlicher Basis fundiert?

Christos Ikonomou

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